„War das jetzt alles – oder kommt da noch was?“

Annika Graeff

Wenn aus Liebe Alltag wird, Nähe verloren geht und die Frage „Bleiben oder gehen?“ plötzlich im Raum steht, geraten gerade langjährige Beziehungen ins Wanken. Die Paartherapeut:innen Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet sind selbst seit mehr als 30 Jahren verheiratet und beraten Paare gemeinsam. Mit HEYDAY sprechen sie darüber, warum wir in der Lebensmitte unsere Beziehung neu hinterfragen, was hinter vermeintlichen Kommunikationsproblemen wirklich steckt – und warum selbst nach Jahrzehnten noch Veränderung möglich ist

Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet, Paartherapeut:innen und Autoren von „Should I Stay or Should I Go?“
Seit mehr als 30 Jahren ein Paar, heute auch gemeinsam als Paartherapeut:innen unterwegs: Thomas Hallet und Dagmar Kieselbach. In „Should I Stay or Should I Go?“ stellen sie 20 Fragen, die helfen sollen, die eigene Beziehung einmal ehrlich anzuschauen

Dagmar, Thomas, „Should I stay or should I go?“ – warum wird diese Frage gerade in der Lebensmitte für viele Paare so präsent?

Dagmar Kieselbach & Thomas Hallet: Diese Frage hören wir nicht nur in unserer Paarberatung, sondern überall um uns herum. Für viele Menschen, meist in der Lebensmitte, ist sie ein leises Dauerthema. Sie wohnt sozusagen mit der Beziehung unter einem Dach. Irgendwann beginnt man genauer hinzuschauen: Woher kommt meine Unzufriedenheit? Was lässt sich verändern? Und möchte ich überhaupt so weitermachen?

Viele Paare sagen: „Wir können einfach nicht mehr miteinander reden.“ Was steckt hinter diesen Kommunikationsproblemen tatsächlich?

Ganz oft kommen Paare zu uns mit den Fragen: Wie können wir besser streiten? Wie können wir besser kommunizieren? Gemeint ist häufig, dass Streitereien zu starken Verletzungen führen und irgendwann sogar Trennungsgedanken ausgesprochen werden.

Hinter dem vermeintlichen Kommunikationsproblem steckt aber oft noch etwas anderes: Das Paar hat sich aus den Augen verloren. Das Interesse aneinander ist nach und nach geringer geworden

„Für viele in der Lebensmitte ist die Frage ‚Bleiben oder gehen?‘ ein leises Dauerthema“

Ist das bereits ein Zeichen dafür, dass eine Beziehung gescheitert ist?

Nicht unbedingt. Viele Paare kommen mit einem ganz akuten Thema zu uns, und häufig setzt schon das erste Gespräch etwas in Bewegung. Allein der Schritt, sich überhaupt Unterstützung zu holen, ist für viele eine Herausforderung.

Wenn sie dann bei uns sitzen, erleben wir oft, dass sie wieder beginnen, einander wirklich zuzuhören. Wir helfen vor allem dabei, Dinge zu sortieren.


Ihr sagt, dass sich selbst in langjährigen Beziehungen die „Temperatur“ wieder erhöhen kann. Wie viel Veränderung braucht es dafür?

Oft gar nicht den riesigen Kraftaufwand, den viele erwarten. Zuwendung kann auch in langjährigen Beziehungen wieder wachsen.

Paare erzählen uns immer wieder, wie erstaunlich es ist, dass sich die Atmosphäre zwischen ihnen verändert, wenn sie an einigen kleinen Rädchen drehen. Genau darum geht es auch in unserem Buch: um konkrete Anregungen, die sich tatsächlich in den Alltag integrieren lassen.

Eine Affäre gehört wahrscheinlich zu den Momenten, in denen die Frage „Bleiben oder gehen?“ besonders laut wird. Kann eine Beziehung so etwas überhaupt überstehen?

Wir erleben häufig die enorme Wucht, mit der eine Affäre – oder wie wir sagen: eine Außenbeziehung – eine Beziehung ins Schleudern bringen kann.

Aber wir erleben auch, dass es gelingen kann, die Situation wieder zu beruhigen und gemeinsam so daran zu arbeiten, dass ein Paar einen neuen Anfang für seine Beziehung findet.

Die Paartherapeut:innen Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet im gemeinsamen Porträt
Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet beraten Paare gemeinsam – mit zwei Perspektiven, unterschiedlichen Fragen und, wie sie selbst sagen, „vier statt zwei Antennen“

„Zuwendung kann auch in langjährigen Beziehungen wieder wachsen“

Euer Buch will also nicht um jeden Preis Beziehungen retten?

Nein. Es geht zunächst darum, genauer hinzuschauen: Woher kommt die Unzufriedenheit und was lässt sich daran verändern?

Die 20 Fragen sollen Paaren helfen, sich Klarheit darüber zu verschaffen, wo ihre Beziehung steht – und daraus eine tragfähige Entscheidung zu entwickeln: Möchte ich so weitermachen oder ist es Zeit für Veränderung? Das kann bedeuten, eine Beziehung neu zu beleben. Es kann aber auch bedeuten, sich mit dem Ende einer Beziehung auseinanderzusetzen.

Ihr erzählt von einem Paar über 80, das sich auseinandergelebt hatte – sich aber trotzdem nicht trennen wollte. Was ist daraus geworden?

Die beiden sagten uns ganz klar: Wir haben uns auseinandergelebt, aber eine Trennung kommt für uns nicht infrage.

Sie gingen schließlich mit dem Entschluss nach Hause, zusammenzubleiben – aber nicht mehr unbedingt als klassisches Liebespaar, sondern eher als eine Art Alters-WG.

Das ist eigentlich ein ziemlich moderner Gedanke: Eine Beziehung muss nicht zwingend dieselbe bleiben, um weiterbestehen zu dürfen.

Genau solche Situationen zeigen, dass es nicht immer nur die eine Vorstellung davon gibt, wie eine Beziehung aussehen muss. Wichtig ist zunächst, ehrlich miteinander zu betrachten, was noch da ist und welche Form des gemeinsamen Lebens für beide tragfähig sein kann.

Ihr seid selbst seit über 30 Jahren verheiratet. Hat das Schreiben eines Buches über Beziehungen eure eigene Beziehung verändert?

Wir haben uns beim Schreiben ehrlich gesagt zwischendurch auch einmal heftig gestritten.

Dabei haben wir aber gemerkt: Nach so vielen gemeinsamen Jahren entwickelt man ein gutes Gespür dafür, wann sich eine Situation auflädt und außer Kontrolle geraten könnte – und wie man das verhindern kann.

Wir sind außerdem besser darin geworden, im Nachhinein zu verstehen, was eigentlich passiert ist und was wir beim nächsten Mal anders machen könnten.

Was unterscheidet euer Buch dabei von einem klassischen Beziehungsratgeber?

Wir haben dieses Buch auch als Paar geschrieben. Die 20 Fragen darin sind deshalb nicht nur therapeutische Fragen, sondern auch unsere persönlichen.

Unsere Antworten kommen aus unserer Arbeit mit Paaren – aber genauso aus unseren eigenen Erfahrungen und sind sehr lebenspraktisch gedacht.

Die Paartherapeut:innen Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet im gemeinsamen Porträt
Auch nach mehr als 30 Jahren Beziehung kennen die beiden nicht nur die Theorie: Beim Schreiben ihres Buches haben sie sich selbst heftig gestritten – und dabei einiges über ihre eigene Ehe gelernt

„Es ist erstaunlich, wie die Temperatur in einer Beziehung wieder steigt, wenn man an kleinen Rädchen dreht“

In Should I Stay or Should I Go? – 20 Fragen an deine Beziehung verbinden Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet Erfahrungen aus ihrer Paarberatung mit konkreten Fragen und Impulsen für langjährige Beziehungen
Die Paartherapeut:innen Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet im gemeinsamen Porträt

Und ihr beratet Paare auch immer gemeinsam. Warum eigentlich zu zweit?

Wenn ein Paar zu uns kommt, steigt es für einen Moment aus seinem Beziehungsalltag aus. Beide möchten gehört und gesehen werden und einmal in Ruhe miteinander sprechen können.

Dadurch, dass wir zu zweit sind, haben wir gewissermaßen vier statt zwei Antennen. Wir nehmen unterschiedliche Dinge wahr, stellen andere Fragen und bringen unterschiedliche Impulse in das Gespräch ein.

Wir vermuten außerdem, dass die Schwelle, eine Paarberatung in Anspruch zu nehmen, für Männer häufig höher ist. Ein Therapeuten-Paar gegenüber zu haben, kann es möglicherweise leichter machen, sich zu öffnen.

Ihr beschäftigt euch viel mit langjährigen Beziehungen. Warum ist es euch trotzdem besonders wichtig, Paare schon früh zu erreichen?

Gerade jüngere Paare liegen uns sehr am Herzen. Wenn aus großer Verliebtheit plötzlich Familienalltag wird, kann viel durcheinandergeraten. Ein Kind verändert das gemeinsame Leben enorm – und manche Paare verlieren sich dabei selbst aus den Augen. Gerade sie haben noch so viel gemeinsame Zeit vor sich. Deshalb ist es uns wichtig, Paare früh zu erreichen und ihnen Impulse zu geben, miteinander im Gespräch zu bleiben – bevor sich Probleme zu sehr festsetzen.her miteinander ins Gespräch zu kommen – und nicht erst dann, wenn kaum noch etwas geht.

Die Paartherapeut:innen Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet im gemeinsamen Porträt
Was Beziehungen trägt, ist für Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet weniger die perfekte Harmonie als die Fähigkeit, im Gespräch zu bleiben – auch dann, wenn es schwierig wird

„Hinter dem Thema Kommunikation steckt häufig, dass sich das Paar aus den Augen verloren hat“


Mehr über Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet

Dagmar Kieselbach und Thomas Hallet bringen Medienwelt und Paartherapie zusammen. Dagmar war viele Jahre Leiterin des WDR-Magazins FrauTV und arbeitet heute als systemischer Coach und Paartherapeutin. Thomas ist mehrfacher Grimme-Preisträger und war unter anderem für Quarks & Co und den WDR-Beziehungs-Podcast Lisas Paarschitt verantwortlich. Heute beraten die beiden gemeinsam Paare in Köln. In ihrem Buch Should I Stay or Should I Go? – 20 Fragen an deine Beziehung geht es um genau die Fragen, die in langen Beziehungen irgendwann auftauchen: Was trägt noch? Was kann sich verändern? Und wann ist es vielleicht Zeit, neu zu entscheiden?

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