„Wir wollen alt werden – aber nicht alt sein“

Wenn das Leben plötzlich endlich erscheint, verändert sich alles. Midlife konfrontiert uns nicht nur mit dem Älterwerden, sondern auch mit der Frage, was wir loslassen – und wofür wir losgehen wollen. In ihrer neuen Kolumne schreibt Evelyn Diemann (57) darüber, warum das richtige Midlife-Mindset diese Lebensphase so viel reicher machen kann

Fotos: Marta Lara

Die Systemische Coachin Evelyn Diemann über das richtige Midlife-Mindset
Die Systemische Coachin Evelyn aus Hamburg weiß: Was uns im Midlife wirklich berührt, ist nicht das Älterwerden – sondern die plötzliche Greifbarkeit, dass unser Leben endlich ist

Mal ehrlich: Wir alle wollen möglichst alt werden – aber niemand will alt sein.
Da stimmt doch etwas nicht, oder? Und dabei sind es gar nicht primär Falten, schlaffere Haut oder Wechseljahresthemen, die uns im Midlife wirklich umtreiben – auch wenn all das durchaus nerven kann. Was uns viel stärker berührt, ist etwas Grundsätzlicheres: Die Endlichkeit des Lebens rückt plötzlich ins Blickfeld. Und das hat einen ganz anderen Wumms – existenziell im wahrhaftigsten Sinne des Wortes.

Wenn Endlichkeit plötzlich spürbar wird

Aus der richtigen Perspektive lässt sich diese Erkenntnis jedoch auch reframen. Denn wie viel weniger wertvoll wäre unser Leben, wenn es tatsächlich endlos wäre? Wenn wir unbegrenzt Zeit für alle Pläne, Begegnungen, Erkenntnisse und Erlebnisse hätten? Wenn alles jederzeit wiederholbar und beliebig verschiebbar wäre? Genau dann würde sich der Zauber von Einzigartigkeit, Tiefe und Bedeutung in Luft auflösen – in die Unendlichkeit hinein.

Gleichzeitig dürfen wir uns über eine weitere Erkenntnis freuen: Wer heute 50 ist, hat statistisch gesehen noch rund die Hälfte seines Erwachsenenlebens vor sich. Im Vergleich zu vor 100 Jahren haben wir etwa drei Jahrzehnte Lebenszeit geschenkt bekommen. Midlife ist also keine Phase des Aussitzens, sondern des bewussten Losgehens – für eine eigene Vision und vielleicht auch für das, was wir eines Tages hinterlassen wollen.

Ich selbst bin 57 Jahre jung und habe diese Endlichkeits-Challenge angenommen. Für mich bedeutet das, diese Zeit möglichst bewusst und stimmig zu gestalten. Dabei steht heute die klassische Bucket- List gar nicht mehr an erster Stelle – auch wenn sie lange gut für meine Ziele und Wünsche gedient hat.

Die Reverse-Bucket-List: Was darf gehen?

Heute weiß ich: Alles Materielle, das mir wirklich wichtig ist, habe ich bereits. Umso bedeutender ist für mich die Reverse-Bucket-List. Was dürfen wir loslassen? Wovon trennen wir uns bewusst – innerlich wie äußerlich?

Denn das Leben läuft in dieser Phase mit leichterem Gepäck einfach besser. So entsteht Raum für das, was jetzt wichtig ist. Wo ist weniger mehr? Eine Frage, über die man im Midlife sehr gut einmal nachdenken darf.

Loslassen betrifft dabei nicht nur Dinge, sondern auch Gedanken. Etwa die Frage, was andere über uns denken (die amerikanische Autorin Mel Robbins bringt es in ihrem Buch wunderbar auf den Punkt: Let them!). Oder alte Glaubenssätze wie: Ich bin nicht gut genug, zu alt, zu viel oder zu wenig.

Loslassen ist ein echtes Zauberwort. Es geht darum, das Leben von allem zu „entmüllen“, was mehr Energie kostet, als es schenkt. Und ja, dazu gehören auch Beziehungen oder Gewohnheiten, die uns nicht mehr guttun. Denn was der Körper mit 20 noch locker weggesteckt hat, nimmt er uns heute schneller übel. Und schließlich wollen wir unsere Kraft ja möglichst lange behalten.

„Loslassen betrifft dabei nicht nur Dinge, sondern auch Gedanken. Etwa die Frage, was andere über uns denken (Mel Robbins bringt es wunderbar auf den Punkt: Let them!). Oder alte Glaubenssätze wie: Ich bin nicht gut genug, zu alt, zu viel oder zu wenig“

Vom Growth-Mindset zur Midlife-Wisdom

Um solche Entscheidungen bewusst zu treffen, brauchen wir in der Mitte des Lebens ein besonderes Mindset. Es geht nicht mehr nur um Growth-Mindset, Lifelong-Learning und stetige Weiterentwicklung – das ist die Basis. Entscheidend wird jetzt, ob wir das Neue sinnvoll mit unseren Lebenserfahrungen, unserer gewachsenen Selbstkenntnis, unseren Werten, Bedürfnissen und unserer Persönlichkeit verbinden.

Erst daraus entsteht etwas, das ich Midlife-Wisdom nenne: eine sehr individuelle Weisheit, ein persönlicher „Weisheits-Fingerabdruck“. Damit hat tiefes Glück (fast) nichts mehr mit Zufällen und Ergebnissen im Außen zu tun, sondern kommt an erster Stelle aus dir selbst heraus. Deshalb macht es auch Sinn, Neues vor allem dort zu lernen oder zu tun, wo es zu unserer Identität, unseren Stärken und unseren inneren Wünschen passt. Die Stärken des Alters – Überblick, Erfahrung, Empathie, Kontextwissen – sind dabei eine echte Geheimwaffe. Sie lassen sich von keiner KI ersetzen. Ganz im Gegensatz zu Fähigkeiten wie Geschwindigkeit oder reine Analysepower, die oft in jüngeren Jahren ihren Höhepunkt haben. Warum also im falschen Feld spielen?

Die Systemische Coachin Evelyn Diemann über das richtige Midlife-Mindset
Loslassen ist für Evelyn kein Verlust, sondern ein Kraftgewinn – weil das Leben mit leichterem Gepäck einfach besser läuft

„Wir müssen lernen, Veränderung zu lieben. Auch wenn das oft zu Beginn Angst macht. Aber Mut tut gut“

Weiterentwicklung als bewusste Entscheidung

Genau hier kommt auch das Konzept der Transitional-Intelligence ins Spiel: Dinge können nur dann gut bleiben, wenn wir bereit sind, sie weiterzuentwickeln. Das gilt nicht zuletzt für unser Arbeitsleben. Jetzt ist die Zeit, Tätigkeitsfelder mit Ablaufdatum zu hinterfragen und solche zu suchen, die zu unseren Kompetenzen passen – und uns auch in Zukunft tragen. Wir müssen lernen, Veränderung zu lieben. Auch wenn das oft zu Beginn Angst macht. Aber Mut tut gut.

Immer wichtiger wird zudem die Frage, was wir geben können. Wie erfüllend ist es, Mentor:in zu sein, Wissen weiterzugeben? Und was wollen wir hinterlassen – etwas, das größer ist als wir selbst und doch manchmal ganz klein beginnt?

Große Langzeitstudien zum Lebensglück zeigen deutlich: Im Alter zählen weniger die großen Highlights als die kleinen Dinge – Momente, Gewohnheiten, Beziehungen, sinnvolle Beiträge. Genau hier liegt ein zentraler Schlüssel zum Glück.

Warum noch warten?

Die gute Nachricht: Ein Midlife-Mindset lässt sich lernen und entwickeln. Im Kern geht es darum, die Perspektive zu weiten und wieder stärker auf die innere Stimme zu hören. Diese Erkenntnis ist der erste Schritt – der Rest folgt, wenn wir losgehen. Warum also noch warten?

Die Systemische Coachin Evelyn Diemann über das richtige Midlife-Mindset

„Die gute Nachricht: Ein Midlife-Mindset lässt sich lernen und entwickeln. Im Kern geht es darum, die Perspektive zu weiten und wieder stärker auf die innere Stimme zu hören“

Die Systemische Coachin Evelyn Diemann über das richtige Midlife-Mindset
Die Systemische Coachin Evelyn Diemann über das richtige Midlife-Mindset

Mehr über Evelyn

Nach einem BWL-Studium in Frankfurt am Main zieht es Evelyn nach Hamburg und in die weite Welt, wo sie zehn Jahre für den Beiersdorf-Konzern im internationalen Marketing tätig ist. Als sie Mutter wird, macht sie sich im Bereich Markenstrategie selbstständig und berät mit ihrem eigenen Unternehmen „Markenbewegung“ Marken, Konzerne und EinzelunternehmerInnen. Mit Mitte 40 eröffnet sie die Workshop-Location Kooploft in Hamburg, wo sie mit ihrem Mann und Sohn lebt, und ist als Mentorin und Business Angel für Start-ups im Einsatz.
In ihren Fünfzigern verwirklicht Evelyn den langgehegten Wunsch, als Systemische Coachin zu arbeiten. Nun begleitet sie andere Menschen bei ihrer persönlichen Neuausrichtung und unterstützt sie darin, ihre Träume und Ideen in der zweiten Lebenshälfte bestmöglich umzusetzen. Evelyn arbeitet in Hamburg und auf Mallorca.

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