An 223 Tagen Blutungen in einem Jahr – und am Ende die Entscheidung: die Gebärmutter entfernen lassen oder nicht? Mehrere Ärzt:innen rieten Boriana Jürgens-Rosenmüller (50) zu dem Eingriff, medizinisch schien alles klar. Doch eine Frage blieb unbeantwortet: Was bedeutet das für die Sexualität? In ihrer Kolumne erzählt Boriana, warum sie ihren OP-Termin absagte – und weshalb weibliche Lust in der medizinischen Aufklärung endlich systematisch mitgedacht werden muss
Fotos:René Fietzek, Malina Ebert, S. Jürgens, Markus Nass

Meine Geschichte beginnt mit starken Menstruationsblutungen. Die hatte ich schon immer, dazu Myome – gutartige Muskelknoten in der Gebärmutter, wie sie viele Frauen haben. Besonders in der Perimenopause können sie massive Beschwerden verursachen. Und davon kann ich ein Lied singen. Vergangenes Jahr wurde mein Zustand zunehmend belastender. An 223 Tagen hatte ich Blutungen, teils so stark, dass ich in der Notaufnahme behandelt wurde. An solch starken Tagen verlor ich bis zu 300 ml Blut. Zum Vergleich: Durchschnittlich verliert eine Frau zwischen 30-80 Milliliter während der Menstruation. Zudem waren meine Eisenwerte gefährlich niedrig.
Eine Entscheidung – und ein ungutes Gefühl
Mehrere Gynäkolog:innen rieten mir zu einer Hysterektomie. Nicht zur vollständigen Entfernung, sondern im sogenannten LASH-Verfahren, bei dem Eierstöcke und Muttermund erhalten bleiben. Ich vereinbarte einen OP-Termin in einer Privatklinik, spezialisiert auf Gebärmutterentfernungen. Drei kleine Schnitte, ein Routineeingriff. Der Chefarzt rühmte sich, über 9.000 Gebärmütter entfernt zu haben. Highscore. Ich hatte einen Termin – und war todunglücklich.
Natürlich gibt es Erkrankungen, bei denen eine Hysterektomie notwendig oder lebensrettend ist. In meinem Fall schien es zunächst keine Alternativen zu geben.
Die Frage, die niemand stellte
Einige Wochen vor der geplanten OP traf ich zufällig eine Freundin, die den Eingriff ein Jahr zuvor hatte durchführen lassen. Sie erzählte mir, dass sie seitdem keinen Orgasmus mehr bekomme. Alle Warnsignale in mir schlugen Alarm. Am nächsten Tag sagte ich den OP-Termin ab.
Meine Sexualität ist mir wichtig. Mein Mann und ich führen ein erfülltes Sexualleben. Auch nur das geringste Risiko, nie wieder einen Orgasmus zu haben, war für uns nicht verhandelbar.
Ist weibliche Lust verzichtbar?
Was mich jedoch noch mehr erschütterte: Zu der Frage, welche Auswirkungen eine Gebärmutterentfernung auf Sexualität und Orgasmusfähigkeit haben kann, fand ich kaum Informationen. Weder online noch im ärztlichen Aufklärungsgespräch. Auf meine Nachfrage reagierten mehrere Gynäkolog:innen mit Kopfschütteln. Orgasmus- oder Libidoverlust seien keine bekannten Nebenwirkungen. Das sei eher „Kopfsache“.
Kopfsache? Beim Orgasmus kontrahiert der gesamte Beckenboden – einschließlich der Gebärmutter. Wie kann dieser Aspekt so selbstverständlich ausgeblendet werden? Als wäre weibliche Sexualität verzichtbar. Ich frage mich: Ginge es um den männlichen Orgasmus, wäre die Forschungslage dann ebenso dünn?
„Auch nur das geringste Risiko, nie wieder einen Orgasmus zu haben, war für mich nicht verhandelbar“
Zahlen, Routine – und fehlende Debatte
In Deutschland hat etwa jede sechste Frau im Laufe ihres Lebens keine Gebärmutter mehr. Die meisten Eingriffe erfolgen zwischen dem 40. und 49. Lebensjahr – mitten im Leben. Über 90 Prozent der Hysterektomien finden nicht wegen Krebs statt, sondern aufgrund gutartiger Diagnosen wie Myomen oder Blutungsstörungen. Während operative Techniken stetig verfeinert werden, bleibt die Frage nach organerhaltenden Alternativen – und nach den Auswirkungen auf Sexualität – erstaunlich randständig.
Zeit gewinnen statt vorschnell entscheiden
Ich entschied mich, meinem Körper Zeit zu geben. Ich suchte osteopathische Begleitung, arbeitete mit Hypnose, Meditation und Kräutern. Nicht als Ersatz für Medizin, sondern als Versuch, Verantwortung für meinen Körper zu übernehmen und eine irreversible Entscheidung bewusst zu prüfen. Mit der Zeit wurden die Blutungen weniger, die Schmerzen ließen nach.

„Ginge es um den männlichen Orgasmus, wäre die Forschungs-lage dann ebenso dünn?“

Mehr Aufklärung, mehr Wahlfreiheit
Ich erzähle diese Geschichte nicht, um medizinische Eingriffe pauschal infrage zu stellen. Sondern weil ich erlebt habe, wie selbstverständlich die Gebärmutter entfernt wird – und wie selten über mögliche Folgen für Sexualität und Lebensqualität gesprochen wird. Entscheidungen werden oft unter Zeitdruck getroffen, mit unvollständiger Information und ohne echte Wahlfreiheit.
In manchen Kulturen wird die Menstruation als Zeit der Kraft und Erneuerung verstanden, nicht als Makel. Dieser Perspektivwechsel hat mir geholfen, meinen Körper nicht als defekt zu betrachten, sondern als Teil meiner Identität.
Sexualität gehört zur Gesundheit
Weibliche Sexualität ist kein Nebenschauplatz. Sie ist Teil von Gesundheit, Selbstbestimmtheit und Verbindung. Und sie verdient es, systematisch mitgedacht zu werden – bevor irreversible Entscheidungen getroffen werden.

„Weibliche Sexualität gehört zur Gesundheit – und sie muss systematisch mitgedacht werden“

Mehr über Boriana
Boriana Jürgens-Rosenmüller ist seit über 25 Jahren in der Medienbranche tätig, davon 15 Jahre erfolgreich als freie Casting-Direktorin für Film und Fernsehen. In der intensiven Arbeit mit Künstlern und Schauspielenden entwickelte sie ein feines Gespür für emotionale Blockaden und verborgenes Potenzial.
Zunehmend rückte für sie nicht mehr die Rolle, sondern die Persönlichkeit dahinter in den Mittelpunkt. Dieses Wissen vertiefte sie durch Ausbildungen in Psychotherapie, Hypnose und Coaching.
Seit über 10 Jahren arbeitet sie branchenübergreifend mit Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen und unterstützt sie dabei, Selbstwirksamkeit zu entwickeln, alte Muster zu lösen und ihr persönliches wie berufliches Potenzial zu entfalten.




















