Häusliche Gewalt hat viele Gesichter – und Frauen brechen nun das Schweigen

Häusliche Gewalt ist kein Randphänomen. Sie geschieht leise – und oft lange unbemerkt. Im Buch (UN)ERHÖRT erzählen 25 Frauen, wie Gewalt in ihren Beziehungen begann und wie sie den Weg zurück ins eigene Leben fanden. Ihre Geschichten zeigen: Partnerschaftsgewalt folgt Mustern – und sie betrifft Frauen aller Altersgruppen und Lebensrealitäten

Fotos: Anna Clara Schrenker und Peter Müller

Im Buch (UN)ERHÖRT: Diana ist Hinterbliebene eines Femizidopfers,
Diana ist Hinterbliebene eines Femizidopfers, ihrer geliebten Tante Lydia. Opfern von häuslicher Gewalt rät sie: „An alle Betroffenen: Holt euch professionelle Hilfe, und befreit euch aus der toxischen Beziehung, bevor es zu spät ist. Weder meine Tante Lydia noch wier haben die Gefahr, die von ihrem Mörder ausging, erkannt.“

Gewalt beginnt selten mit einem Schlag. Sie beginnt mit Kontrolle, mit Angst, mit dem schleichenden Verlust von Selbstbestimmung. Oft bleibt sie lange unsichtbar – selbst für das unmittelbare Umfeld. Und fast immer begleitet sie ein Gefühl, das die Betroffenen zum Schweigen bringt: Scham.

Dabei ist häusliche Gewalt kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem. Aktuelle Bundeslagebilder zeigen seit Jahren steigende Fallzahlen. Allein 2024 wurden in Deutschland über 265.000 Menschen als Opfer häuslicher Gewalt registriert. Der überwiegende Teil der Betroffenen sind Frauen.

Ein Buch gegen das Schweigen

Besonders hoch ist der Anteil im Bereich der Partnerschaftsgewalt – also jener Gewalt, die innerhalb bestehender oder ehemaliger Beziehungen stattfindet. Die Dunkelziffer gilt als erheblich: Viele Frauen erstatten keine Anzeige – aus Angst, aus Abhängigkeit oder aus der Erfahrung heraus, nicht gehört zu werden.

Ein Buch gegen das Schweigen

Genau hier setzt (UN)ERHÖRT an. Das Buch gibt anonymen Statistiken ein Gesicht. 25 Frauen unterschiedlichen Alters erzählen von dem, was ihnen angetan wurde – von Menschen, denen sie vertraut haben.

Sie sprechen über psychische, körperliche und strukturelle Gewalt. Über Ohnmacht. Über Isolation. Und über den langen, oft widersprüchlichen Weg zurück ins eigene Leben.

In der Zusammenschau wird deutlich: Partnerschaftsgewalt folgt Mustern. Herkunft, Bildung oder sozialer Status schützen nicht. Viele Frauen berichten außerdem von einer zweiten Belastung nach dem Ausstieg – von Schuldumkehr, Misstrauen durch Behörden und zermürbenden juristischen Auseinandersetzungen. Gewalt endet nicht automatisch mit der Trennung.

Gewalt gegen Frauen ist kein Frauenproblem.
Es ist ein gesellschaftliches Problem. Sie wird in allen Gruppen und in allen Bereichen des täglichen Lebens ausgeübt – hauptsächlich von Männern. Die Folgen sind schwere, traumatische Auswirkungen für die Betroffenen und deren Familien.

Im Buch (UN)ERHÖRT: Gabriele hat alle Formen von Gewalt erlebt
Gabriele: „Ich habe alle Formen von Gewalt erlebt – bis hin zur Zwangsprostitution. Ich wusste damals nichts von Hilfsangeboten. Deswegen appelliere ich an alle Betroffenen: Holt euch Hilfe! Und wenn ihr jemanden kennt, der Gewalt erlebt, hört zu, seid da und schaut hin! Gewalt geht uns alle an!“
Im Buch (UN)ERHÖRT: Britta hat sich selbst verziehen
Britta: „Wir müssen uns selbst verzeihen, und das habe ich“
Im Buch (UN)ERHÖRT: Für Isabelle ist alles Teil ihrer persönlichen Geschichte
Isabelle: „Mein Körper, mein Geist und meine Seele werden heilen und ich werde die Narben anschauen, sie streicheln und dankbar sein. Es werden neben den sichtbaren auch unsichtbare Narben bleiben. Sie sind Teil meiner persönlichen Geschichte und Zeichen von Wachstum“
Im Buch (UN)ERHÖRT: Valerine hat Scham abgelegt
Valerine: „Der erste Schritt ist immer, laut zu werden. Ich habe meine Scham abgelegt und meinen Selbsthass bezwungen. Ich bin kein Opfer meiner Vergangenheit und habe mich nicht brechen lassen. Ich habe mich Stück für Stück ins Leben zurückgekämpft!“
Im Buch (UN)ERHÖRT: Dorothea findet, dass Frauen keine Lobby haben
Dorothea: „Frauen haben keine Lobby. Gewalt ist ein zutiefst gesellschaftliches Problem. Wir müssen alles Erdenkliche tun, um ein Umdenken in der Gesellschaft zu erreichen.“
Im Buch (UN)ERHÖRT: Marlene wünscht sich inen wirksamen und fairen Opferschutz für Kinder
Marlene: „Wir brauchen dringend Gesetzesänderungen für einen wirksamen und fairen Opferschutz für Kinder. In meinem Fall haben die Jugendämter rund Familiengerichte auf ganzer Linie versagt!“
Im Buch (UN)ERHÖRT: Petra tat lange so, als sei alles in Ordnung
Petra (Podcast: Einmal Kuba und zurück): „Lange Zeit tat ich so, als sei alles in Ordnung. Hinschauen statt Wegschauen kann Leben retten!
Im Buch (UN)ERHÖRT: Elisabeth
Elisabeth: „Wer in seiner Partnerschaft Gewalt verübt oder für sich hinnimmt, kann diese Muster nur mit Blick auf die eigene Biografie durchbrechen“

Gewalt beginnt nicht erst bei blauen Flecken. Sie beginnt viel früher: in Worten, in Kontrolle, in Abhängigkeit, im Netz.

Sichtbar statt stumm

Ein zentrales Element des Projekts sind die fotografischen Porträts. Sie zeigen die Frauen nicht als Opfer, sondern als Persönlichkeiten: präsent, ruhig, würdevoll.

Die Bilder dokumentieren nicht das Geschehene. Sie setzen ein Gegenbild. Sie machen sichtbar, dass diese Frauen nicht verschwunden sind. Sie sind geblieben – und sie stehen zu ihrer Geschichte.

Bemerkenswert ist auch die Entscheidung, unter Klarnamen zu erzählen. Das ist keine Provokation, sondern ein Akt der Selbstbestimmung. Die Deutungshoheit liegt bei ihnen.

Im Buch (UN)ERHÖRT: Dorothea

Die Scham muss die Seite wechseln

(UN)ERHÖRT ist kein leichtes Buch. Es will nicht schockieren, nicht moralisieren, nicht erklären, wie „man es hätte besser machen können“. Es hört zu. Und genau darin liegt seine Stärke. Die Texte laden dazu ein, mitzudenken, Muster zu erkennen und die Verantwortung nicht länger bei den Betroffenen abzuladen.

Das Buch richtet sich nicht nur an jene, die selbst Gewalt erlebt haben, sondern auch an eine Gesellschaft, die noch immer dazu neigt, wegzusehen, zu relativieren oder zu individualisieren. Es fordert ein Umdenken – nach einem einfachen, aber konsequenten Prinzip, das dem Projekt als Leitsatz vorangestellt ist: Die Scham muss die Seite wechseln.

Polizeilich erfasste Gewalt gegen Frauen nimmt weiter zu. Aber nur ein Bruchteil der Gewalttaten wird polizeilich bekannt. Die Anzeigequoten liegen unter 10%. Innerhalb von (Ex-)Partnerschaften wird psychische und körperliche Gewalt sogar in weniger als 5% der Fälle angezeigt.

Im Buch (UN)ERHÖRT: Frauen brauchen aktiven Gewaltschutz, meint Christine
Christine: Frauen brauchen aktiven Gewaltschutz. Die Instanbul-Konvention muss endlich umgesetzt werden! Es schockiert mich, dass institutionelle Gewalt in Deutschland flächendeckend vorhanden ist und ganz besonders unseren Kindern schadet!“
Im Buch (UN)ERHÖRT: Nadine
Nadine: „Die Öffentlichkeit soll wissen, dass Frauen ihre Kinder entrissen werden, sie schutz-, mittel- und ratlos zurückgelassen werden und als unkooperativ, geisteskrank und als Lügnerinnen abgestempelt werden.“ 

Kontrolle, Stalking, Erpressung, intime Bilder ohne Zustimmung: Gewalt passiert nicht nur durch Schläge, sondern auch durch Links, Nachrichten und Screenshots.

Im Buch (UN)ERHÖRT: Anazuita: erlebte einen Albtraum
Anazuita: „Ich habe es aus meinem Albtraum geschafft und andere können das auch! Wenn du erkennst, dass dein Peiniger der Kranke ist und du nicht diejenige bist, die ihn heilen kann, ist der erste Schritt schon getan!“

Im Buch (UN)ERHÖRT: Anna: hat fast zwei Jahrzehnte Gewalt hinter sich

Anna: „Bis heute habe ich fast zwei Jahrzehnte Gewalt hinter mir. Und in allen Fällen habe ich den Kürzeren gezogen. Auch Geschwisterbindung interessiert die Justiz nicht.“

Im Buch (UN)ERHÖRT: Romina
Romina: „Ich verstehe, warum Menschen erst Jahre später über alles, was ihnen widerfahren ist, sprechen können. Die Seele gibt uns vor, wann wir die Sicherheit verspüren und zum Reden bereit sind. Ich wünsche mir für jeden den sicheren Raum, den es bedarf, um sich mitzuteilen und gesehen zu werden!

Im Buch (UN)ERHÖRT: Alice ist Sprecherin des Betroffenenrats Traumnetz Berlin
Alice (Sprecherin des Betroffenenrats Traumnetz Berlin): „Die Schritte in die Öffentlichkeit kosten mich Kraft und Mut. Aber die vielen berührenden Redaktionen der Frauen zeigen mir, dass dieser Weg der richtige ist. In Kontakt mit mir brechen viele ihr Schweigen – häufig zum ersten Mal!“

Im Buch (UN)ERHÖRT: Dagmar möchte nicht leise heilen, sondern Laut
Dagmar: „Ich heile laut. Damit ich denen eine Stimme geben, kann die noch im Stillen leiden.“

(UN)ERHÖRTFRAUEN REDEN ÜBER HÄUSLICHE GEWALT

Buch (UN)ERHÖRT: Das Buch HIER direkt bestellen… https://pem-photography-shop.myshopify.com/products/unerhort

Dieses Buch gibt ehemaligen Betroffenen ihre Stimmen und ihre Würde zurück. Es macht Mut jenen, die noch mitten in gewaltvollen Beziehungen stecken. Und es erinnert uns alle daran, dass Sichtbarkeit ein erster, notwendiger Schritt ist – für Verständnis, für Veränderung und für echten gesellschaftlichen Wandel.

„Lasst uns zusammen etwas schaffen, das weit über ein Buch hinausgeht – eine Gemeinschaft von starken Frauen, die durch ihre Erfahrungen anderen Mut schenken.“

Dieses wichtige Projekt ist in Zusammenarbeit mit den Fotograf:innen Anna Clara Schrenker und Peter Müller entstanden, unterstützt von Elisabeth Schönberger und Carolin Bauer.

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