Geld mit Scham und Charme


Über Geld zu sprechen, fühlt sich für viele Frauen noch immer wie eine Mutprobe an. Nicht, weil wir unfähig wären – sondern weil wir ein Erbe in uns tragen, das uns leise zurückhält. In diesem persönlichen Essay zeigt uns die Finanz-Mentorin Lydia Böhm (53), warum finanzielle Scham kein individuelles Problem ist, sondern ein generationsübergreifendes Muster. Und warum genau wir – die Frauen von heute – die Macht haben, es zu verwandeln

Wir müssen die Scham, über unsere Finanzen zu sprechen, endlich überwinden. „Denn Scham über Geld ist kein individuelles Versagen – sondern ein generationsübergreifendes Erbe“, sagt unsere Kolumnistin Lydia Böhm

Wenn Frauen über Geld sprechen: Ein Zögern, ein kurzer Atemzug, ein Blick zur Seite. Dann kommt dieser Satz: „Ich kenne mich da einfach nicht so aus.“ Es ist selten Desinteresse. Es ist Scham.

„Ich kenne mich da einfach nicht aus“


Das leise Echo der Vergangenheit

Das Wort Scham stammt aus dem Althochdeutschen scama und beschreibt ein angstbesetztes Empfinden, das entsteht, wenn wir fürchten, durch eigenes oder beobachtetes Fehlverhalten Achtung, Wert oder Zugehörigkeit zu verlieren. Scham macht still. Sie zieht uns nach innen. Sie lässt uns zurückweichen, wo wir eigentlich handeln könnten. Und genau dieses Gefühl begegnet mir in vielen Gesprächen mit Frauen, wenn es um Geld geht. Scham hat viele Gesichter:

  • Die Frau, die ihr Gehalt nicht nachverhandelt, obwohl sie weiß, dass sie unterbezahlt ist.
  • Die Unternehmerin, die ihre Preise kleinrechnet, um „nicht zu gierig“ zu wirken.
  • Die Erbin, die sich für ihr Vermögen rechtfertigt, statt es bewusst zu gestalten.
  • Oder jene, die jedes Gespräch über Investitionen abbricht, weil sie denkt, sie müsse erst „mehr wissen“.

All das sind Formen von Scham – übertragen, gelernt, vererbt. Denn über Geld zu sprechen, war für Generationen von Frauen kein selbstverständlicher Teil des Lebens. Oft war es gar nicht erlaubt. Unsere Ahninnen – die Frauengenerationen vor uns – hatten keinen Zugang zu Vermögen, keine Entscheidungsfreiheit, keinen Platz in der Finanzwelt. Sie waren abhängig, mussten sich anpassen, stillhalten. Das Schweigen über Geld war überlebensnotwendig. Heute ist es überflüssig, aber es wirkt weiter.

„Unsere Ahninnen – die Frauengenerationen vor uns – hatten keinen Zugang zu Vermögen, keine Entscheidungsfreiheit, keinen Platz in der Finanzwelt. Sie waren abhängig, mussten sich anpassen, stillhalten. Das Schweigen über Geld war überlebensnotwendig. Heute ist es überflüssig, aber es wirkt weiter“

Die Ahnin der Gegenwart

Wir – die Ahninnen der Gegenwart – haben Freiheit, Bildung, Zugang, Einkommen. Und dennoch: Wir tragen in uns das alte Echo der Scham. Es flüstert in Momenten, in denen wir Entscheidungen treffen könnten:

  • „Bist du sicher, dass du das kannst?“
  • „Das ist zu viel Geld für dich.“
  • Andere wissen das besser.“

Diese innere Stimme ist kein heutiges Denken. Es ist die Stimme derer, die schweigen mussten. Und wir reagieren oft noch immer wie sie: Wir vermeiden, wir verschieben, wir zweifeln. Das zeigt sich auf vielen Ebenen.

  • Wir schieben die Altersvorsorge auf, weil „noch Zeit ist“.
  • Wir lassen Geld auf Konten liegen, weil Investieren „zu riskant“ klingt.
  • Wir konsumieren, um uns kurzfristig zu entlasten, statt langfristig zu gestalten.
  • Oder wir überlassen Entscheidungen Partnern, Beratern oder „dem Markt“.

Das alles sind keine Wissenslücken, sondern emotionale Muster. Scham ist kein Mangel an Kompetenz. Scham ist ein Gefühl, das unser Handeln steuert, ohne dass wir es merken. Und genau deshalb braucht sie Bewusstsein. Selbstbewusstsein.

„Scham ist kein Mangel an Kompetenz. Scham ist ein Gefühl, das unser Handeln steuert, ohne dass wir es merken. Und genau deshalb braucht sie Bewusstsein. Selbstbewusstsein“


Bewusstheit schafft Bewegung

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. Und genau in diesem Raum entsteht finanzielle Selbstwirksamkeit. Wenn du beim nächsten Gespräch über Geld spürst, wie dein Bauch eng wird oder dein Kopf aussteigt, bleib da. Nicht, um dich zu quälen, sondern um zu verstehen: Das ist nicht Gegenwart. Das ist Geschichte, die sich meldet. Der Weg zur Lösung ist kein Rechnen, sondern ein Fühlen – und ein Schreiben. Schreibe drei handgeschriebene Seiten direkt nach dem Aufwachen, ungefiltert, roh, ehrlich. Schreibe Morning Notes.

Das Schreiben löst die Verknüpfung zwischen Reiz (Scham) und Reaktion (Rückzug). Es schafft Bewusstsein, und Bewusstsein schafft Entlastung“

Das sage übrigens nicht ich, sondern die amerikanische Autorin Julia Cameron in ihrem Welt-Bestseller The Artist’s Way – Der Weg des Künstlers. Das Buch schrieb sie 1992, um Menschen dabei zu helfen, ihre künstlerische Kreativität wiederzufinden. Die darin enthaltenen Techniken sind Werkzeuge, um gedankliche Blockaden zu überwinden und Klarheit zu gewinnen.

Anders als Julia Cameron empfehle ich meinen Klientinnen nicht nur am Morgen zu schreiben, sondern immer dann, wenn Gedanken, Zweifel oder Schamgefühle auftauchen. Schreibe alles auf – ohne Struktur, ohne Bewertung, einfach so, wie es kommt. Grammatik ist egal. Wichtig ist nur: raus aus dem Kopf und aufs Papier.

Das Schreiben löst die Verknüpfung zwischen Reiz (Scham) und Reaktion (Rückzug). Es schafft Bewusstsein, und Bewusstsein schafft Entlastung. Ob du die Seiten danach verbrennst, zerreißt oder aufbewahrst, entscheidest du selbst. Der eigentliche Effekt entsteht beim Schreiben. Du schenkst dir Raum. Du entlastest dein System. Und du schreibst dich frei – emotional, mental, finanziell.


Mut zum anders Handeln

Finanzielle Bildung beginnt nicht mit Zahlen, sondern mit Bewusstsein. Finanziellem Selbstbewusstsein. Mit dem Erkennen, dass wir alle eine finanzielle Geschichte in uns tragen – und dass sie veränderbar ist.

Mut heißt nicht, sofort ein Depot zu eröffnen oder die perfekte Strategie zu haben. Mut heißt, anders zu handeln:

  • Eine Frage zu stellen, auch wenn sie „dumm“ klingt.
  • Eine Zahl auf dem Konto anzuschauen, auch wenn sie Angst macht.
  • Eine Entscheidung zu treffen, die sich neu anfühlt.
  • Den Preis zu nennen, den die eigene Arbeit wirklich wert ist.

Das ist nicht laut, aber klar. Und Klarheit ist der Anfang von finanzieller Selbstbestimmung. Unsere Ahninnen konnten nicht laut sein. Aber wir können es – im Innen wie im Außen.

Wenn du Scham bemerkst, halte für eine Sekunde inne. Erinnere dich: Das ist nicht dein Gefühl, das ist ein übernommenes.

„Scham trennt. Bewusstsein verbindet. Genau darin liegt deine neue Freiheit – und der Charme des Geldes“

Wenn du heute bewusst handelst, veränderst du mehr als deinen Kontostand. Du veränderst Geschichte. Du wirst zur Ahnin der Zukunft – für all jene Frauen, die nach dir kommen und Geld nicht mehr mit Scham, sondern mit Selbstverständlichkeit verbinden.

Denn Geld ist kein Tabu. Es ist ein Spiegel. Es zeigt uns, wie wir mit uns selbst umgehen.

Und je bewusster du hinsiehst, desto klarer wird: Dein Geld ist kein Fremdkörper. Es ist Ausdruck deiner Haltung. Scham trennt. Bewusstsein verbindet. Genau darin liegt deine neue Freiheit – und der Charme des Geldes.


Bankerin, und Finanz-Mentorin Lydia Böhm

Mehr über Lydia

Finanzielle Klarheit beginnt im Inneren: Lydia Böhm (53) ist Bankerin, Finanz-Mentorin und moderne Familienaufstellerin. Nach über zwei Jahrzehnten in der Bankenwelt verbindet sie heute rationales Finanzwissen mit emotionaler Tiefenarbeit – und begleitet Frauen dabei, ihr finanzielles Selbstbewusstsein jenseits von Zahlen, Tabus und Glaubenssätzen neu zu definieren.

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