„Ich feiere meinen Körper und meine Unvollkommenheiten”

Anna Bloda/ Levi Taridio / Aqua Rose

Fotografie, Mode, Kunst, Musik – und viele junge Menschen: Die Fotografin Anna Bloda hat sich in New York City ihr ganz persönliches Unsiversum erschaffen, in dem sie sich rund um die Uhr mit jungen Kreativen umgibt. Sie sind für Anna Begleiter, Freunde und „Kinder” gleichermaßen – der sprudelnde Quell von Inspiration und Lebensfreude. HEYDAY sprach mit Anna über ihren außergewöhnlichen Lebensentwurf

LGTBG Fotografin Anna Bloda im Interview für Heyday Magazine

HEYDAY: Liebe Anna, du bist vor Kurzem 46 Jahre geworden. Wie fühlst du dich in deinen 40ern im Vergleich zu früher? Was ist für dich das Beste am Älterwerden?

Anna Bloda: Ich fühle mich großartig. Mein Geist ist immer noch jung und verspielt, als ob ich in meinen 20ern wäre, aber ich bin jetzt klüger und auf vielen Ebenen entspannter. Die Veränderungen des Körpers sind allerdings schwerer zu verkraften, da die hormonelle Umstellung kaum zu kontrollieren ist. Die Natur erinnert einen brutal daran, dass die Jugend vergangen ist.

Du bist in Polen aufgewachsen. Wie waren deine Kindheit und dein Teenageralter?

Es war eine ganz andere Realität. Aber es war auch irgendwie magisch. Wir hatten kein Internet und keine Handys. Ich bin froh, dass ich eine Chance hatte mich zu entwickeln, bevor das Internet aufkam. Ich konnte dadurch eine andere Art der Kommunikation kennenlernen, basierend auf dem Versenden von Briefen, dem ständigen Sehen und Treffen von Menschen – einfach echte Interaktionen erleben. Ich möchte mir diese Zeit nicht zurückwünschen, weil ich die neue Realität auch liebe, aber ich fühle mich, als hätte ich 1000 Jahre gelebt, weil ich mich eben an eine völlig andere Welt erinnern kann. Und jetzt – in der Ära der Pandemie – stehen wir wieder einer neuen Welt gegenüber. Ich bin so dankbar, auf dieser Erde zu sein und all diese Veränderungen und Entwicklungen mitzuerleben. Ich denke, es war schön, als ich ein Teenager war, aber jetzt ist es noch schöner. Jede Lebensphase hat für mich eine Bedeutung und ist ein weiteres Puzzlestück, um meine eigene Persönlichkeit besser zu verstehen.

Viele Frauen sagen uns, dass sie sich mit zunehmendem Alter nicht mehr sexy oder sogar unsichtbar fühlen, weil unsere Gesellschaft auf Perfektion und nie endende Jugend getrimmt ist. Was denkst du darüber? Was bedeutet für dich Sexiness?

Ich denke, jeder hat es selbst in der Hand, positiv mit dem Älterwerden umzugehen. Wenn man sich ständig Sorgen über die Anzeichen des Älterwerdens macht, wird man keine positive Energie ausstrahlen. Wenn man sich selbst nicht akzeptiert, ist es für andere Leute leicht, das zu „riechen”. Man sollte das Älterwerden akzeptieren und sich der Angst davor stellen.

Niemand kann dir sagen, wann du aufhören sollst, sexy zu sein. Ich habe 20 Jahre jüngere Freunde, weil ich mich jung benehme und jung aussehe – das kommt durch meine innere Einstellung und meine Selbstwahrnehmung ganz von alleine. Ich bin ständig von jungen Menschen umgeben, die altersmäßig meine eigenen Kinder sein könnten. Es gab natürlich Zeiten, in denen ich Angst hatte, da ich im eigenen Kopf eine Stimme der Kritik vernahm. Sie sagte mir, dass ich alt und nicht fit genug für so ein Umfeld sei. Dass ich da nicht reinpassen würde. Aber dann wurde mir klar, dass mein Alter mich nicht definiert. Ich sagte mir: Ich bin schön, egal was passiert. Ich bin die Ikone, die stets leuchtet.

Sexuell sieht es allerdings anders aus – ich verspühre derzeit kein Begehren mehr. Es ist irgendwie traurig, und ich vermisse es, geil zu sein. Ich bin mir nicht sicher, ob es die Menopause ist, oder vielleicht meine Libido, die zwischendurch ein Nickerchen macht, und nur wieder geweckt werden muss.

Fotografin Anna Bloda in sexy Posen
Fotografin Anna Bloda im Interview für Heyday Magazine
Fotografin Anna Bloda im Interview für Heyday Magazine


Fotografin Anna Bloda im Interview für Heyday Magazine

Du liebst es, deinen Körper und auch den deiner Models zu präsentieren. Wann hast du begonnen, Nacktheit in den Fokus deiner kreativen Arbeit zu rücken?

In meinem Fall wuchs die Wahrnehmung und das tiefe Begreifen von Nacktheit mit dem Alter und dem zunehmenden Verständnis des menschlichen Geistes. Als ich im Alter von 14 Jahren VHS-Kassetten mit Pornos entdeckte, war das zunächst ziemlich schockierend. Auch nach all den Jahren ist mir das Bild von Teresa Orlowski, einem deutschen Pornostar aus den 80er-Jahren, noch immer stark ins Gedächtnis eingebrannt. Ich glaube, ich war zu jung für diese Art von Botschaft, denn es passierte, bevor ich meine eigene Vorstellung von Sexualität geformt hatte. Es machte mich auch süchtig nach Pornografie – sie war der einfachste Weg, jede Art von Stress durch einen Orgasmus abzubauen.

Als ich den ganzen Prozess verstanden hatte, fing ich an, diese Art von Bildern zu vermeiden und meinen unschuldigen Kern wieder aufzubauen. Aber Erotik hat in meinem Leben schon immer die Hauptrolle gespielt: Süchtig danach, sexy zu sein und diesen Bereich auch mit meinen Models zu erkunden, zu spielen, zu lernen, Grenzen zu entdecken und zu suchen – das alles hat mein Leben erfüllt. Nichts hat mich mehr inspiriert als der nackte Körper, denn im Körper sehe ich die Geschichte des Menschen und seines Geistes.

Nicht jede Frau ist so aufgeschlossen und selbstbewusst. Was würdest du Frauen raten, die gerne ihren Körper und ihre Weiblichkeit feiern wollen?

Es ist eine harte Lektion zu lernen, sich selbst zu lieben – ganz besonders für Frauen die glauben, dass ihr Wert damit verbunden sein könnte, fruchtbar zu sein oder jung auszusehen. Das Geheimnis besteht darin, die Veränderungen des Körpers nicht zu bekämpfen, sondern das Beste zu tun, um ihn zu nähren und zu regenerieren. Ich glaube an einen nie endenden Jungbrunnen. Meine 22-jährige Freundin hat mir vor einigen Tagen gesagt: „Anna, wenn du lächelst, sehe ich ein Kind in dir“. Ich denke, dass eine solche Außenwirkung einer Person dadurch entsteht, mit dem eigenen höheren Wesen verbunden zu sein: Es ist zum Beispiel wichtig, freundlich zu sein, oder Yoga und Meditation zu praktizieren. Natürlich können wir das Älterwerden nicht stoppen, aber wir können unsere Jugend so viel weiter verlängern, als es unseren Großmüttern möglich war.

„Jede Lebensphase hat für mich eine Bedeutung und ist ein weiteres Puzzlestück, um meine eigene Persönlichkeit besser zu verstehen”

Hast du einen Tipp, wie man sich beim Fotografieren in Dessous sicherer fühlen kann?

Vertrauen kommt aus dem Kopf. Ich erinnere mich, dass Jennifer Lopez sagte, dass selbstbewusste Frauen in Shorts auf die Straße gehen können, und selbst wenn ihre Beine voller Cellulite sind, wird das niemand bemerken. Ihre Haltung wird darüber hinaus leuchten. Ich fühle mich in jedem Alter einfach schön, feiere meinen Körper und auch meine Unvollkommenheiten.

Die junge Generation spielt eine große Rolle in deinem Leben und deiner Arbeit. Warum umgibst du dich so gerne mit jungen Menschen?

Ich kann mir ein Leben ohne junge Leute nicht vorstellen. Ihre Energie ist das Öl für meinen Mechanismus und ihre Intelligenz der Treibstoff für meinen Geist. Und sie lieben mich, weil ich nicht langweilig, konservativ oder wertend bin. Ich bin ich, sie sind sie. Wir tauschen den Flow aus, kreieren zusammen, rauchen manchmal Gras. Sie sind im übertragenen Sinne meine Kinder. Jedes Mal, wenn ich mit ihnen chille, lerne ich neue Slang-Wörter und neue Lieder. Ich liebe es, ständig stimuliert zu werden.

Was hast du durch diesen täglichen Generationenaustausch gelernt?

Ich bin genau deswegen nach Amerika gekommen – um mich inspirieren zu lassen! Und junge Menschen geben mir alles, was ich brauche. Sie sind in der Cyberwelt aufgewachsen, also müssen sie die Realität ganz anders wahrnehmen als ich. Ich lerne von ihnen, sie sind meine Brille für die Welt. Ich versuche immer, ihnen Liebe und Freundlichkeit zu geben. Sie sind alle Künstler, also haben wir eine gemeinsame Plattform, um uns über Sprache, Religion, Alter und kulturelle Erziehung hinaus zu verbinden. Aber ich musste erst lernen, in diese Umgebung einzutauchen – und das ist das schönste Abenteuer meines Lebens.

Fotografin Anna Bloda im Interview für Heyday Magazine
Fotografin Anna Bloda im Interview für Heyday Magazine

„Ich kann mir ein Leben ohne junge Leute nicht vorstellen. Ihre Energie ist das Öl für meinen Mechanismus und ihre Intelligenz der Treibstoff für meinen Geist”

Instagram ist die bevorzugte Plattform für junge Leute, die versuchen, die beste Version ihrer selbst zu zeigen. Was denkst du über die Fake-Welt der sozialen Medien?

Ich denke, wir alle wissen tief im Inneren was real und was Bullshit ist. Wir alle haben Väter und Mütter, Opas und Omas und wir alle beobachten jeden Tag, dass das Leben im Grunde ein Sterbeprozess ist – von Tag zu Tag verlieren wir an Substanz. Ich denke, dass die Schaffung eines besseren Selbstbildes ein Akt des Rollenspiels ist. Vielleicht ermöglichen uns diese Momente, in denen wir mit Masken bedeckt sind, unsere Emotionen perfekt zu tarnen und Interaktionen zu vermeiden. Aber irgendwann verlassen wir unsere Häuser und sehen die Menschen von Angesicht zu Angesicht …

Auf der anderen Seite gibt es Trends wie Big Body Positivity und Diversity. Ist das nur ein Fake oder ein Marketinginstrument? Was denkst du darüber?

Ich glaube nicht, dass es sich um einen gefälschten Trend oder ein Marketinginstrument handelt, da ich ein Teil davon bin. Ich liebe und feiere meinen unvollkommenen, alternden Körper. Wir alle leben jetzt in einer Zeit großen spirituellen Erwachens und ein Teil davon ist, zu lernen, zu validieren und uns selbst zu heilen, um uns in ein höheres Wesen zu verwandeln. Der kollektive Geist ist präsent und hat einen großen Einfluss auf den Abbau von Stress nach einer Pandemie, ruft uns aber auch dazu auf, an Quantenheilung und Meditation teilzunehmen. Deepak Chopra, Joe Dispensa oder Abraham Hicks sind die neuen Führer und die Realität verändernden Apostel, die uns glauben lassen, dass wir sein können, wer immer wir sein wollen, dass nichts unmöglich ist und dass Liebe das größte Werkzeug des gesamten Kosmos ist.

Wie hat sich Corona auf dich und deine Freunde ausgewirkt? Hat es dein Leben und deine Arbeit verändert? Wie hast du die Situation in New York erlebt?

Tatsächlich war die Corona-Zeit – abgesehen von ein bisschen Sorge – eine gute Zeit für mich. Ein Moment, um zur Ruhe zu kommen, neue Fähigkeiten zu erlernen, alles neu zu organisieren. Meine Mutter aus Polen kam kurz vor demn Lockdown zu mir. In der ersten Woche ihres Besuchs träumte sie von einem Tiger im Kühlschrank und konnte dann etwa drei Monate lang die USA nicht verlassen. Es war eine Zeit der Abrechnung und des Abschlusses für uns beide und eine harte Lektion für mich – ich lernte, meine eigene Mutter zu akzeptieren, mich wie in einem Spiegel in ihr zu sehen, und wie ich ihr meine Kindheitstraumata vergeben kann.

Im Allgemeinen lebte ich mein Leben, tat Dinge und suchte nach alternativen Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Ich habe das alles nicht mit Angst erlebt – das habe ich mir nicht antun lassen. Ich verstehe, dass Stress und schlechte Ernährung das Schlimmste für das Immunsystem sind, also tranken ich und meine Mutter viel frisch gepresste Säfte, um es zu stärken.

Viele Menschen, insbesondere Frauen, haben das Gefühl, dass sie während Corona in alte Rollen zurückgedrängt wurden, weil sie von zu Hause aus arbeiten und sich um ihre Kinder und den Haushalt kümmern mussten. Da Frauen bis heute meist immer noch weniger als Männer verdienen, ist bislang kein Fortschritt erkennbar. Wie beurteilst du die aktuelle Gleichstellungssituation?

Es war sicher eine schwierige Erfahrung für alle Familien, die von der Schließung von Unternehmen und auch Online-Schooling betroffen waren und dabei keine Möglichkeit hatten, sich gegenseitig zu entkommen. Für viele Paare und Familien, die vor dem Lockdown nicht stabil waren, verschlechterte sich die Situation rapide, aber für starke Familien war es vielleicht auch eine weitere Herausforderung und sie gewannen durch die Umstände an Kraft…

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Wie siehst du dich in den nächsten zehn Jahren?

Ich werde definitiv an meiner Vintage-Marke Bloda’s Choice weiterarbeiten, in verschiedene kreative Richtungen wachsen, modeln, lieben, geliebt werden und dabei stets jeden Tag neu entdecken, als wäre es der erste Tag meines Lebens.

Ich liebe und feiere meinen unvollkommenen, alternden Körper.


Über Anna Bloda

Fotografin Anna Bloda

Anna Bloda (46) wurde in Polen geboren, wandte sich bereits mit 16 Jahren der Fotografie zu und absolvierte Studien an der Kunsthochschule in Nowy Wisnicz und der Polnischen Nationalen Film-, Fernseh- und Theaterschule in Łódź. Das Thema ihrer Arbeit berührt alle Aspekte der menschlichen Existenz – sie schafft eine einzigartige Bindung zwischen sich und dem jeweiligen Model. Sie ist vor allem von der jungen Generation fasziniert, fotografiert aber auch auch Schauspieler, Sänger und Künstler jeden Alters.
Der Mensch an sich und vor allem das Weibliche in uns allen ist Annas wichtigste Inspiration und ihre größte Herausforderung. Sie findet ihre Models in der U-Bahn, in Bars, auf der Straße. Im Rahmen ihrer Werke strebt sie danach, das Porträt einer Generation zu erschaffen, eine visuelle Aufzeichnung der Zeit, in der wir leben. Zugleich stellt sie ganz bestimmte Fragen: Was ist Gender? Was ist Sexualität?
Als besonders stil- und kultursensible Person folgt sie ihrer ganz eigenen Vision in Sachen Mode und Schönheit. Sie ist auf Instagram aktiv und hat zusätzlich mit der Webseite Bloda’s Choice einen digitalen Ort geschaffen, der als Plattform für innovative Kunst, interessante Gesichter und ihre ungewöhnliche Kleidungskollektion dient. Anna lebt und arbeitet derzeit an ihrem Traumort New York City.

Anna auf Instagram: Folge HIER Annas persönlichem Account und sieh dir HIER von Anna kuratierte originelle Looks und Teile an. Jetzt plötzlich Lust auf einen verrückten Shopping-Bummel in New York City bekommen? Dann checke HIER in Annas Shop Bloda’s Choice ein. Weitere Infos über Anna sowie viele tolle Fotos finden sich HIER auf ihrer Webseite

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