„Man sollte alles, was Freude bereitet, in sein Leben lassen”

Jährlich erhalten rund 75.000 Frauen in Deutschland die Diagnose Brustkrebs. Mode-Journalistin Stephanie Neumann war eine von ihnen. Wie es ist, plötzlich in der Welt der Kranken zu leben und wie sie es geschafft hat, die schwerste Zeit ihres Lebens durchzustehen, lest ihr in unserem HEYDAY-Interview

Stephanie Neumann Yoga Brustkrebs
Früher durchgetaktet und unter Dauerstrom, heute gelassen und entspannt: Stephanie Neumann sieht ihre Brustkrebserkrankung als Chance. Ihre Einstellung zum Leben und Arbeiten hat sich seitdem grundlegend geändert
Fotos: privat, Instagram

HEYDAY: Liebe Stephanie, Du hast für renommierte Magazine wie Harper’s Bazaar, Elle und Madame geschrieben, als Dozentin an der AMD gelehrt und später die erfolgreiche Agentur Room 26 gegründet – eine Bilderbuch-Karriere sozusagen. Was konntest Du aus dieser Zeit mitnehmen?

Stephanie Neumann: Ich habe unglaublich viel gelernt, was das Blattmachen anbelangt – etwa offen, neugierig und nicht so voreingenommen zu sein. Bei Harper’s Bazaar habe ich dann noch mal einen ganz anderen Blick für Modetexte bekommen. Die damalige Chefredakteurin legte unheimlich viel Wert auf präzise Sprache, die ohne Floskeln und nur mit den wirklich nötigsten Adjektive auskommt.

Was war das Schönste, was Du in deiner Zeit als Mode-Redakteurin erlebt hast?

Die Begegnung mit Alexander McQueen in London werde ich nie vergessen. Ich habe den englischen Designer immer sehr bewundert und seine Karriere mit Spannung verfolgt. Seine Arbeit ist in meinen Augen einzigartig: ästhetisch, provokant und futuristisch zugleich. Auch 15 jahre alte Designs wirken heute noch modern. Ich bin sehr dankbar, dass ich ihn persönlich treffen durfte. Auch die Präsentation von Stella McCartneys erstem Parfum war besonders, denn bei dem Event fragte sie mich: „Darf ich mal riechen, wie das an dir duftet?” Das war ganz natürlich und sehr reizend, überhaupt nicht überheblich. Überwältigend fand ich auch, einen Tag vor der Valentino-Show zu sehen, wie die Couture-Kleider ihren letzten Schliff bekamen. Was für eine Handwerkskunst!

Dann kam die plötzliche Wendung: Du bekamst die Diagnose Burstkrebs. Wie bist Du mit dieser Nachricht umgegangen?

Ich glaube, diese Wendung hatte sich schon vor der Diagnose angebahnt. Denn ich habe über viele Jahre Vollgas gegeben, immer sehr viel gearbeitet – auch an den Wochenenden. Die Rücksicht auf meine Gesundheit kam dabei eindeutig zu kurz. Jede Erkältung wurde mit Medikamenten unterdrückt, damit ich weiterarbeiten konnte. Symptome wie Rückenschmerzen und Schulterschmerzen habe ich einfach ignoriert.

Durch Zufall bemerkte ich dann etwas Ungewöhnliches an meiner Brust. Zuerst habe ich mir nichts dabei gedacht – aber komisch kam es mir schon vor. Ende 2017 bin ich schließlich zum Frauenarzt gegangen, der mich nach der Untersuchung zu einem Facharzt geschickt hat. Dieser meinte, ich solle mir keine Sorgen machen. Dennoch solle ich in drei Monaten nochmal zur Nachuntersuchung kommen und die Stelle bis dahin gut im Auge behalten. Schon einen Monat später bemerkte ich einen Unterschied. Die Wucherung war eindeutig gewachsen – und zwar so, dass ich sie sogar durch den Pullover spüren konnte.

Als ich wieder beim Arzt war, habe ich schon gewusst, dass etwas nicht in Ordnung ist. Einen Tag nach der Entnahme des Brustgewebes hatte ich die Diagnose: Brustkrebs. Man fühlt sich dann wie in einem Film. Der Arzt hat mich sofort über alles aufgeklärt: Ich hätte nicht die aggressivste Form und es gäbe viele Behandlungsmöglichkeiten – Chemotherapie, OP, Antikörpertherapie. Meine Heilungschance läge bei 90 Prozent.

An die Fahrt in der U-Bahn danach kann ich mich noch ganz genau erinnern. Alle Sinne waren geschärft. Heute weiß ich, dass ich in einem Schockzustand war. Als ich die Nachricht meiner Familie und meinen Freunden übermittelte, endete es damit, dass ich erst einmal alle getröstet habe. Ich selbst allerdings konnte das Ganze noch gar nicht greifen und verstehen. Da mein Frauenarzt mir geraten hatte, erst einmal so normal wie möglich weiterzumachen, dachte mir: „Ok, dann mache ich erstmal die Chemo, im Sommer dann die Reha – und danach bin wieder gesund.” Alles easy.

Danach kam die Phase, in der ich mir sicher war, dass ich eigentlich gesund bin und die Ärzte sich getäuscht haben müssen. Schließlich fühlte ich mich ja nicht krank. Ich hatte keine Symptome oder Beschwerden. Das geht übrigens vielen so. Krank fühlt man sich erst, wenn die Chemo losgeht. Und die kam recht schnell – schon drei Wochen nach der Diagnose hing ich das erste Mal am Tropf.

Wie ist es Dir gelungen, diese schwere Zeit zu überstehen?

Ohne meinen Freund Eric hätte ich das nicht überstanden. Er hat alles getan, was er konnte – mir etwas zu essen gemacht, mich abgeholt, mich immer unterstützt. Klar, wir kamen dabei auch manchmal an unsere Grenzen – bis hin zu dem Punkt, an dem ich so pflegebedürftig war, dass Eric, der beruftstätig ist und zudem drei Kinder hat, die Situation nicht mehr stemmen konnte. Wir beschlossen, meine Eltern anzurufen und sie um Hilfe zu bitten. Und plötzlich waren da auf einmal auch Freunde an meiner Seite, mit denen ich gar nicht gerechnet hatte …

Mir haben auch auch andere Dinge geholfen: Meine Naivität hat mich definitiv vor vielen Sorgen bewahrt. Vor allem in der schweren Phase, in der ich die Chemo nicht vertragen habe, und anschließend eine Brust entfernt werden musste. Alles geht so schnell, dass man gar keine Zeit hat, die Ereignisse zu verarbeiten. Denn man muss ja ständig lebenswichtige Entscheidungen treffen.

Auch mein grundlegender Optimismus war hilfreich. Denn ich war mir von Anfang an sicher, dass das alles Sinn macht und der Krebs auch eine Chance sein kann, wenn ich die Zeichen wahrnehme und mein Leben verändere. So habe ich mit dem Tag der Diagnose angefangen zu meditieren, Yoga nicht mehr nur als Sport zu sehen, und mir überdies psychologische Hilfe gesucht.

Wie hast Du die Chemotherapie erlebt?

Ich kann da nur für mich sprechen, denn jeder Mensch regiert anders auf die Chemotherapie. Um ehrlich zu sein, bin ich total naiv an die Sache herangegangen. Ich hatte ja keine Ahnung, was da auf mich zukommt. Als mir mein Arzt sagte, dass meine Venen super seien und ich keinen Port benötige, dachte ich mir: „Ich weiß zwar nicht, was ein Port ist, aber wenn ich gute Venen habe, freu ich mich.” Heute würde ich jeder Frau, die sechs Monate Chemotherapie vor sich hat, auf jeden Fall empfehlen, sich einen Port legen zu lassen. Denn die vielen Behandlungen greifen die Venen ganz schön an – die Venen an meinem linken Unterarm sind dadurch ziemlich mitgenommen.

Den Ablauf kann man sich so vorstellen: Die Praxis, in der ich behandelt wurde, hat sich auf Frauen mit Brustkrebs spezialisiert. Man sitzt also ein bis zwei Mal die Woche bis zu fünf Stunden lang mit anderen Frauen, die alle an Tropfbäumen hängen, in einem Raum. Total verrückt, dass ich da anfangs immer noch Mails gecheckt und beantwortet habe. Das lag daran, dass ich die erste Chemo recht gut vertragen hatte. Durch das enge Miteinander entsteht mit der Zeit eine eingeschworene Gemeinde. Denn jede Patientin hat ihre festen Tage und Uhrzeiten. Man sieht also immer die gleichen Frauen. Manche haben eine Glatze, andere tragen Kältehauben, um die Kopfhaut runterzukühlen. Das macht man, damit der Kopf weniger durchblutet wird und sich so vor Haarausfall zu schützen. Es ist aber nicht gesagt, dass das immer klappt. Das wollte ich nicht. Also habe ich mir am Tag vor der Chemo die Haare abrasiert – und mein Freund machte mit.

Die Krankheit war meine neue Normalität, mein neues Leben. Denn mit dieser Diagnose geht man ohne es zu merken durch eine Tür… und lebt fortan in der Welt der Kranken. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich gar keinen Kontakt mehr zu gesunden Menschen hatte. Da wurde mir klar, dass ich auf mich aufpassen musste.

In den ersten drei Monaten Chemo habe ich es geschafft, mein Leben weiterzuleben und die Fassade aufrechtzuerhalten. Doch plötzlich kam die Wende. Denn die zweite Chemo war hart. Da habe ich dann gemerkt, dass ich wirklich krank bin. Meine Wimpern und Augenbrauen waren schon ausgefallen. Aber jetzt ging es mir oft richtig schlecht. Nicht selten war ich so schwach, dass ich tagelang im Bett lag. Außerdem hatte ich Aussetzer und konnte mir nichts mehr merken. Zudem bin ich mit der Chemo in die Wechseljahre gekommen – ich war gerade mal 43 – und hatte mit Schweißausbrüchen und starken Schlafstörungen zu kämpfen.

War Aufgeben eine Option?

Ich habe lange nichts in Frage gestellt und alles hingenommen. Aber dann kam ein Punkt, an dem es nicht mehr ging. Die letzten zwei Runden der schweren Chemo habe ich nicht mehr gemacht. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war einfach fertig, sowohl psychisch, als auch körperlich. Daraufhin meinte der Arzt: „Ok, wir hören auf, planen die OP und schauen dann, wie es läuft.” Glücklicherweise musste ich die Behandlung dann nicht mehr beenden. Aber ich sehe das nicht als Aufgeben, sondern als Erfolg.

Welche Dinge sind durch die Krankheit in den Vordergrund, welche in den Hintergrund gerückt?

Die äußerlichen Dinge sind in den Hintergrund gerückt. Stattdessen habe ich meinen Blick mehr nach innen gerichtet. Im Gegensatz zu früher habe ich meinen Körper bewusster wahrgenommen. Der Körper spricht ja immer mit einem. Und noch etwas: Ich habe eine Liebe zu der Farbe Grün entwickelt. Nach einem mühsamen Spaziergang um den Schlachtensee war ich umgeben von all den schönen Grüntönen. Plötzlich musste ich weinen, weil mir die Natur so nahe ging.

„Mit der Diagnose Brustkrebs geht man unmerklich durch eine Tür … und lebt fortan in der Welt der Kranken.“

Wie sehr hat die Krankheit Dein Leben verändert? Welche Dinge musstest Du bzw. wolltest Du unbedingt ändern? 

Auf meiner Reise habe ich gemerkt, dass vieles nicht mehr zu mir passt – ob das nun die Firma war, oder manche Menschen in meinem Leben. Vieles, was ich früher mit ganz viel Kraft festgehalten habe, war mir nicht mehr so nah. Dieser Prozess hat mich sehr viel Energie gekostet. Und die Kraftreserven, die man als kranker Mensch zur Verfügung hat, braucht man hauptsächlich für sich selbst. Da bleibt nicht mehr viel übrig. Man muss gut haushalten mit seinen Kräften. Vieles war einfach nicht mehr möglich, wie etwa Dauerstress und Multitasking. Manche Dinge haben sich von ganz alleine von mir entfernt, weil ich einfach nicht mehr so viel Energie reinstecken konnte.

Stephanie Neumann Yoga Krebs

Qualität statt schnelllebige Trends: Stephanie investiert gerne in hochwertige Mode, denn das lohnt sich auf lange Sicht

Stephanie auf einer Charity-Auktion in L.A.: Die Vierergruppe rechts sind von ihr gespendete Affirmationskarten, die dort versteigert wurden.

Die Natur und das Gärtnern haben Stephanie sehr viel Kraft gegeben.

Ich bin jetzt lockerer geworden und versuche mehr wertzuschätzen, was ich habe – und nicht ständig darüber nachzudenken, was ich nicht habe.”

Stephanie Neumann Yoga Krebs

Ton in Ton mit großem Turban: Wenn Stephanie sich schlecht fühlte, machte sie sich extra schick

Perücke oder Turban? Der Turban war Stephanies liebste Kopfbedeckung

Hattest Du auch Existenzängste?

Irgendwann kommt eine Überlebensangst, die präsenter als die Existenzangst ist. Unser Gesundheitssystem hier in Deutschland hat mir das Leben gerettet, denn während der Krankheit musste ich mir keine Sorgen machen, wo ich das Geld für meine Wohnung hernehmen soll.

Bist Du auch enttäuscht worden? Und wenn ja, wie bist Du damit umgegangen?

Klar gab es Enttäuschungen, aber zum Glück nicht viele. Aber ich mache niemandem einen Vorwurf. Denn kein Mensch möchte mit Absicht ein Arschloch sein. Jeder handelt so, wie er denkt und kann – in seinem Rahmen.

Inwiefern hat die Krankheit Deine Einstellung zum Leben und zur Vergänglichkeit beeinflusst?

Früher war ich eine unglaubliche Planerin. Mein Leben war immer total durchgetaktet. Durch die Krankheit habe ich auf die harte Tour gelernt, dass dieses ganze Geplane oft gar nichts bringt. Denn im Leben kommt es ja dann meistens doch ganz anders. Seitdem lebe ich ein bisschen mehr in den Tag hinein. Für mich zählt jetzt der Moment mehr als die Zukunft.

Meine Brustkrebserkrankung ist ein wichtiger Parameter in meinem Leben, der mich immer wieder daran erinnert, wie schnell alles vorbei sein kann. Ich bin jetzt lockerer geworden und versuche mehr wertzuschätzen, was ich habe – und nicht ständig darüber nachzudenken, was ich nicht habe. Und dabei geht es eben nicht um das Materielle. Ich puzzle mir quasi mein Leben neu zusammen. Vor diesem Hintergrund habe ich überlegt, was ich gerne mache. Eine Sache ist das Zeichnen. Weil die Affirmationskarten von Louise Hay ausverkauft waren, habe ich im Krankenhaus angefangen, meine eigenen zu illustrieren.

Du hast während Deiner Behandlung auch begonnen, Dich ernsthaft mit Yoga zu beschäftigen …

An Yoga hatte ich erst gar nicht gedacht, aber durch die Meditation habe ich einen anderen Bezug dazu bekommen. Es war allerdings nicht mein Plan, die nächste Mode-Redakteurin zu sein, die Yoga-Lehrerin werden möchte – es hat sich einfach so ergeben. Als eine Trainerin in der Reha zu spät zu unserer Sportstunde kam, habe ich spontan angeboten, einen Yogakurs angeboten. Abends hatte ich die ersten Anfragen. So kam es, dass ich drei Monate nach der zweiten OP zuerst in ein Yogaretreat fuhr und danach eine Yogalehrerausbildung machte. Mir wurde schnell klar, dass ich Yoga und Krebs verbinden möchte. Ich absolvierte nach der klassischen Yogalehrer-Ausbildung also noch eine Zusatzausbildung für Yoga mit Krebspatienten.


„Ich wünsche mir, dass Yoga for Cancer eine internationale Bewegung wird.“

Gemeinsam durch die schwere Zeit: Stephanies Freund Eric stand ihr während der Krankheit bei – und rasierte sich sogar solidarisch die Kopfhaare

Yoga ist für Stephanie so viel mehr als nur ein Sport…

Jeden Tag wertschätzen: Yogalehrerin Stephanie begann im Krankenhaus damit, eigene Affirmationskarten zu illustrieren

Und danach hast Du mit Yoga for Cancer Dein Herzensprojekt aus der Taufe gehoben?

So ist es. Yoga for Cancer ist eine Charity-Plattform, bei der Yogalehrer Unterrichtsstunden spenden. Auch die Teilnahme läuft auf Spendenbasis. Das Video-Format ist übrigens durch Corona entstanden, denn ursprünglich wollte ich mit Yoga-Studios zusammenarbeiten – doch dann kam der Lockdown. Deswegen habe ich dann den Yoga-for-Cancer-Youtube-Kanal gestartet So nahm das Ganze seinen Lauf. Und das Feedback ist ganz großartig. Viele Lehrer, die ich von früher kenne, spenden Stunden. Yoga for Cancer richtet sich übrigens nicht nur an Krebspatienten. Denn Yoga tut jedem gut, der krank ist. Aber es kann vor allem helfen, Krankheiten vorzubeugen.

Was hast du gerade alles in Planung?

Es wäre schön, wenn Yoga for Cancer eine internationale Bewegung werden würde. Nebenbei experimentiere ich aber auch viel an mir selbst, wie zum Beispiel mit dem Thema Menopause. Außerdem plane ich zusammen mit euch von Heyday Magazine ein Online-Charity-Event über Zoom.

Was rätst du anderen, um in schweren Zeiten den Mut nicht zu verlieren?

Man sollte alles, was Freude bereitet, in sein Leben lassen. Bei mir sind es das Schreiben und Yoga …

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Über Stephanie Neumann

Stephanie Neumann ist Gründerin von Yoga for Cancer und von Happie Haus. Die ehemalige Modejournalistin erhielt 2018 die Diagnose Brustkrebs. Dank regelmäßiger Yogapraxis erholte sie sich erstaunlich schnell von OP und Chemotherapie und beschloss, sich ganz dem Yoga zu widmen. Mit Yoga for Cancer veranstaltet sie Charity-Events und unterstützt Krebsorganisationen durch Spenden. Mit Happie Haus bietet sie Yogaklassen und -Retreats für Krebspatienten an.

HIER erfährst du mehr über Stephanie Neumann und ihr Projekt Yoga for Cancer. Du kannst ihr auch auf Instagram und Youtube folgen …

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