„Wir sollten den Wandel als Chance sehen”

2018 – Margit Rüdiger gehört zu den renommiertesten Beauty-Autorinnen des Landes. Als sich der Markt rasant verändert und sie aufgrund von Sparmaßnahmen ihren leitenden Posten verliert, steckt sie den Kopf nicht in den Sand. Sie sieht die Entwicklung als Chance und gründet ein eigenes Online-Magazin mit den Schwerpunkten ihrer Leidenschaften: Beauty, Kultur und Reisen

Foto: up_n_co

Margit Rüdiger gehört zu den renommiertesten Beauty-Autorinnen des Landes. Noch bis vor Kurzem genoß sie ihre Tätigkeit bei Hochglanzmagazinen wie Vogue, Elle, Madame und InStyle in vollen Zügen. Doch als sich der Markt verändert und klar wird, dass sich der Fokus von Zeitschriften immer mehr auf Online verlagert, und langjährige Anzeigenkunden vermehrt in neue Medien und Influencer investieren, wird schnell klar, dass die goldenen Zeiten des Hoffierens und des Glamours schnell vorbei sein können. Viele Verlage fingen schon vor Jahren damit an, Redaktionen zusammen zu legen und Personal zu kürzen. Jüngst wurden radikal Mitarbeiter bei Conde Nast (Vogue, Glamour, GQ) und auch bei der seit 60 Jahren bestehenden Freundin (Burda Verlag) reduziert. Sogar das renommierte Promi-Magazin Gala (Gruner & Jahr) traf es. Für viele Kolleginnen von Margit ein harter Einschnitt – Frauen um die Mitte oder Ende 40 befürchten nun, keine weitere Anstellung mehr zu bekommen. Doch Margit sieht den Wandel als Chance und gründete vor zwei Jahren ihr eigenes Online-Magazine CultureandCream.

Wie hat es dich in die Beauty-Branche verschlagen?

Ich bin eigentlich Medizin-Journalistin. Als das Thema Schönheitschirurgie in den Medien immer gefragter wurde, habe ich über Facelift & Co. in nahezu allen Frauenmagazinen geschrieben. Und nachdem Haut viel mit Medizin zu tun hat, wurde ich immer öfter von Beauty-Redaktionen für Artikel über Pflege, Make-up etc. gebucht.

Du hast in einer Zeit in der Verlagswelt gearbeitet, als man noch Business Class geflogen ist und mal eben eine Woche in Goa im Rahmen einer Pressereise verbracht hat. Wie empfindest du die Änderungen in der Medien-Branche?

Ehrlich gesagt empfinde ich gerade diese Veränderung als gesund. Früher wurde es schon oft arg übertrieben mit den Luxus-Einladungen. Jede der namhaften Brands versuchte immer noch eins draufzusetzen. Das schafft Abhängigkeit, die der journalistischen Qualität nicht gut tut. Leider ist es heute nicht anders, die Zielgruppen haben sich nur verlagert. Heute werden Blogger und Influencer von den Firmen in ähnlicher Weise hofiert. Falsch ist meiner Meinung nach auch die personelle Einsparung bei den Printmedien. Redaktionen werden zusammengelegt, wenige Redakteure müssen viele Geschichten schreiben und mehrere Hefte betreuen. Unter dem Zeit- und Personalmangel leiden die Artikel. Schlechte Recherchen, keine Schlussredaktion. Die Magazine sind ein „Einheitsbrei“, den auch die Industrie durch den Druck, den Anzeigenkunden auf die Redaktionen ausüben, mit verursacht hat.

Was haben die Verlage deiner Meinung nach falsch gemacht und hätten sie tun sollen, um mithalten zu können?

Die Verlage hätten viel früher die Zeichen der Zeit erkennen und darauf reagieren müssen. Es wurde unterschätzt, welche Position, Verbreitung und damit Macht die sozialen Medien einnehmen würden. Dem wurde zu spät Rechnung getragen. Und dann haben Print und Online immer noch viel zu lange getrennt nebeneinander gearbeitet anstatt gemeinsame Wege zu gehen.

In deiner Zeit bei InStyle und Co. hast du viel erlebt. Was war damals anders als heute? Was vermisst du manchmal?

Früher hatten Führungskräfte echte Führungsqualitäten. Sie wußten, dass ihr Erfolg einer starken Mannschaft geschuldet ist und haben ihre Mitarbeiter wertgeschätzt, statt Druck auszuüben. Burnout war früher ein Fremdwort. Was ich sehr vermisse, ist das Teamwork wie wir es in meiner Zeit als Beauty Director bei InStyle hatten.

Margit Rüdiger

Margit und der berühmte Make-up-Artist Nicolas Degennes von Givenchy

Ich laufe nicht jedem Jugendversprechen der Beauty-Industrie nach. Wunder gibt es nämlich nicht!”

Margit Rüdiger

Was war deine verrückteste Pressereise? Welche deine schönste?

Meine verrückteste Pressereise ging nach Jukkasjärvi in Lappland, 200 km nördlich des Polarkreises. Dort hatte Lancaster einen überdimensionalen Parfum-Flakon in einen Eisblock eingefroren, der dann feierlich vor unseren Augen freigeschmolzen wurde. Wir Journalisten haben im Eishotel übernachtet, mit Handschuhen an der Eisbar Wodka aus Gläsern ganz aus Eis getrunken, an denen man vor Kälte nur nippen konnte. Tagsüber haben wir in Eislöchern auf zugefrorenen Seen geangelt und sind mit Hundeschlittengespannen durch die traumhafte Schneelandschaft gefahren. Dabei habe ich übrigens auch den Hundeschlitten-Führerschein gemacht.

Meine schönste bzw. beeindruckendste Pressereise hat nichts mit Business Class-Flügen und Luxus-Suiten zu tun. Sie führte mich nach New Jersey ins Greenhouse. Dort werden die verschiedensten Planzen gezüchtet, aus denen in einem speziellen Extraktionsprozess Duftmoleküle für Parfums, Waschmittel etc. gewonnen werden. Das Besondere: Die Pflanzen werden dabei nicht zerstört und setzen daher ein viel intensiveres Aroma frei. Anschließend durfte ich im New Yorker IFF-Labor unter Anweisung des bekannten Parfümeurs Loc Dong meinen eigenen Duft kreieren. Unvergeßlich!

Margits Antrieb: ihre Neugierde! Sie liebt es, um die Welt zu reisen, um die neuesten Trends aufzuspüren und Experten zu befragen
Fotos: privat

Du bist nicht nur beruflich, sondern auch privat viel auf Reisen. Was fasziniert dich am Reisen? Welches Land oder welche Kultur gefällt dir am besten und warum?

Ich liebe Reisen, weil ich neugierig bin auf andere Länder, Kulturen und Menschen. Einmal war ich am Stück ein halbes Jahr auf der Südhalbkugel unterwegs. Das Erlebte setze ich im Kopf sofort in Geschichten um. Sie drängen sich mir richtiggehend auf. Obwohl ich schon alle Kontinente bereist habe außer der Antarktis (kommt noch!), ist Italien mein Herzensland und seit langem meine zweite Heimat. Dort komme ich am schnellsten zur Ruhe. Das Land hat so viele Facetten und so viel unterschiedliche Schönheit zu bieten, dass ich mich nie satt sehen kann. Außerdem mag ich das unaufgeregte Dolce Vita der Italiener.

Ist es nicht auch anstrengend, ständig unterwegs zu sein? Wie gehst du damit um?

Mein Motor sind meine Neugierde und mein unruhiger Geist. Wenn ich mehrere Wochen nicht unterwegs war, packt mich das Reisefieber und ich werde nervös. Deshalb empfinde ich Reisen eher als willkommene Erlösung vom Schreibtisch statt als Anstrengung. Um es mir so einfach wie möglich zu machen und flexibel zu sein, versuche ich stets nur mit Handgepäck zu reisen. Schließlich gibt es nirgends mehr auf der Welt etwas, das man nicht kaufen kann, wenn es fehlen sollte.


Wie kam es zu der Gründung deines eigenen Blogazins CultureandCream? Wie hast du den Wechseln von Print zu Online gemeistert?

Ich liebe Storytelling, also gute Geschichten zu erzählen, und ich liebe guten Journalismus, der immer mit intensiven Recherchen verbunden ist. Das war in den Printmedien nicht mehr möglich, weil die meisten Artikel auf Anzeigenkunden ausgerichtet werden mussten und nicht die Story im Vordergrund stand. Deshalb habe ich im Februar 2018 mein eigenes Blogazine cultureandcream.com gegründet. Dort kann ich über alles schreiben, was mir mitteilenswert erscheint. Noch mehr freue ich mich immer über Beiträge von anderen Journalisten, weil es das Magazin bunter gestaltet. Die größte Herausforderung war, den richtigen Namen zu finden. Ich fertigte Listen an und verwarf sie wieder. Irgendwann kam mir in Italien auf der Terrasse die richtige Idee. Er sollte etwas mit Kultur, Reisen zu tun haben, aber auch mit Beauty. Also culture und „cream“, was ja nicht nur Creme heißt, sondern auch Sahne. Also das Sahnehäubchen auf allem, was schön ist.

Was hältst du von Instagram als Medium, das mittlerweile sogar Blogs und Onlinemagazine ablöst? Wie gefährlich ist Instagram für junge Menschen?

Instagram ist ja eher eine Online-Bilderstrecke, um es in der Printsprache auszurücken. Ich glaube nicht, dass es auf Dauer Blogs und Online-Magazine ablösen wird. IG bietet ja keinen Inhalt, ist nur eine schöne Begucke. The picture tells the story stimmt hier ja selten. Außerdem wird es irgendwann langweilig, immer nur schöne Bilder mit schönen Menschen unter schönen Filtern anzusehen. Gerade für junge Mädchen finde ich das gefährlich. Ihnen wir eine Realität vorgegaukelt, die so nicht existiert. Und wenn sie sich dann gar noch von verantwortungslosen Schönheitsärzten Insta-gerecht zurecht spritzen lassen, hakte ich das für eine pervertierte Welt.

Ein Ausspruch wie „Sie sieht aber für ihr Alter noch gut aus …“ macht mich aggressiv. Was soll das denn heißen?”

Margit Rüdiger

Berufsbedingt beschäftigst du dich viel mit dem Thema Aussehen und Schönheit. Älterwerden ist da ein heikles Thema. Wie stehst du dem Älterwerden gegenüber?

Nicht das Geburtsdatum bestimmt das Alter, sondern der Kopf und die innere Einstellung. Wer geistig aktiv ist, bleibt jung. Deshalb frage ich andere nie nach deren Alter und will auch nicht gefragt werden, um dann in irgendeiner Schublade zu laden. Ein Ausspruch wie „Sie sieht aber für ihr Alter noch gut aus …“ macht mich aggressiv. Was soll das denn heißen? Damit wertet man eine Frau doch eher ab als auf. Wichtig finde ich auch eine gerade Haltung, eine gute Figur und einen leichtfüssigen Gang. Wer mit hängenden Schultern und vorgewölbtem Bauch durch die Gegend schlurft, sieht in jedem Alter älter aus. Dem beuge ich schon seit 20 Jahren mit täglichem Yoga vor. Ansonsten mache ich regelmäßig Ausdauer- und Krafttraining, ernähre mich (meistens) gesund, trinke und rauche nie. Und ich laufe nicht jedem Jugendversprechen der Beauty-Industrie nach. Wunder gibt es nämlich nicht.

Welche Beauty-Fragen begegnen dir immer wieder?

Welche Anti-Aging-Creme ist die Beste? Darauf gibt es auch keine Antwort, weil die Genetik eben eine große Rolle spielt.

Wem vertraust du in Sachen Beauty?

Ich vertraue eher Dermatologen und Kosmetik-Produzenten, die uns nicht weismachen wollen, sie hätten das Ei des Kolumbus gegen das Altern gefunden. Denn bei jeder Präsentation neuer Anti-Aging-Produkte schaue ich mir die Experten an, die die angeblich bahnbrechende Neuheit schon länger ausprobieren – und die sehen meist kein Jahr jünger aus als in ihrem Pass steht.


Face it!

Margit findet es völlig legitim, der Natur etwas nachzuhelfen. Als eine der wenigen in der Beauty-Branche steht sie zu ihren Eingriffen: Mit 40 fing sie an, sich die Glabella-Falte, die sogenannte Zornesfalte, unterspritzen zu lassen. 2008 entschied sie sich für eine Gesichtsstraffung und ließ die aufwendige Operation sogar dokumentieren – exklusiv für die deutsche Vogue. Das Ergebnis: Margits Haut wirkt frisch, die Kontur straff, aber keinenfalls maskenhaft. Ein Facelift ist dann gelungen, wenn man es nicht auf Anhieb erahnt – Margit Rüdiger ist das beste Beispiel.

Das Ergebnis acht Wochen nach dem Eingriff ist perfekt. Die Konturen sind optimiert und der Ausdruck natürlich-frisch


Du hast gerade eine Haarveränderung von Schwarz auf Grau hinter dir. Wie kam es dazu?

Meine Haare sind naturschwarz, und da fällt jedes graue Haar besonders auf. Anfangs habe ich einzelne noch herausgerissen, aber mit der Zeit wurden vor allem die Schläfen weiß. Bald musste ich spätestens alle drei Wochen die Ansätze nachfärben lassen, habe zwischendrin mit schwarzer Haarmascara, Stiften und Pudern experimentiert. Total nervig und unbefriedigend im Ergebnis! Ein Friseur aus Mailand machte mir vergangenen Sommer den Vorschlag, die weißen Strähnen doch herauswachsen zu lassen. Er hat dann einzelne Passes blondiert. Ich dachte immer, Grau macht alt, aber inzwischen weiß ich es besser: Grau macht interessant.

Es ist ja ein Phänomen unserer Zeit, dass wir uns ständig optimieren wollen. Was hältst du davon? Was rätst du anderen?

Wenn man unter optimieren versteht, nicht stehen zu bleiben, kann ich es nur begrüßen. Denn Stillstand bedeutet Tod. Wenn man allerdings versucht, einem bestimmten Frauenbild entsprechen zu wollen, wird man scheitern. Ich kann nur jeder Frau raten, ihren eigenen Weg zu gehen, ihren eigenen Stil zu finden und jeden Tag zu genießen. Das Alter ist kein Feind, sondern eine Herausforderung, das Beste daraus mitzunehmen. Es istauch eine Chance für neue Erfahrungen. Man sieht einfach vieles gelassener, ist nachsichtiger mit sich und anderen, weil man sich und dem eigenen Umfeld nichts mehr beweisen muss.

Was das Aussehen betrifft, sollte es völlig in Ordnung sein, dass man es mit kleinen Korrekturen optimiert. So lange man es nicht übertreibt. Zu viel Botox, Filler oder gar Schlauchbootlippen machen nicht jünger, sondern wirken grotesk. Ich habe vor zehn Jahren ein Facelifting machen lassen für eine Dokumentation in der deutschen Vogue. Seitdem brauche ich nur kleine Instandhaltungen. Alle zwei Jahre lasse ich ein „Ultherapie“-Treatment mit fokussiertem Ultraschall machen, um die Kinnkontur straff zu halten. Denn was älter aussehen lässt, sind nicht Fältchen, sondern Hängepartien.

Eine Frage hätte ich noch: Was findest du am Online arbeiten besser? Was nicht so gut im Vergleich zum Print?

Ich mag die Schnelligkeit, die man bei online an den Tag legen muss. Das erinnert mich an meine journalistischen Anfänge bei der Tageszeitung. Das SEO-gerechte Schreiben ist für einen Print-Journalisten eine Umgewöhnung. Anfangs hat mich auch irritiert, dass man seine Fotos für eine Geschichte selbst suchen, bearbeiten und hochladen muss. Da ist man bei Print echt verwöhnt mit Fotoredaktion, Grafik und dem gesamten Backup. Aber es macht mir Spaß, das alles gelernt zu haben.

Wenn ihr mehr über Margits Leidenschaften erfahren wollt, folgt ihr auf Instagram…

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