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„Wir sind alle Göttinnen“

Angelika Büttner

2012 begann Angelika Buettner damit, ihren fotografischen Blick der Schönheit von Frauen über 40 zu widmen. Damit war sie genau am Puls der Zeit, denn seither ist viel passiert: Die Generationen in ihrem Fokus haben mit Macht den Nebel der Unsichtbarkeit zerstreut – lebensfroh und strahlend sind immer mehr Frauen ins Licht der Öffentlichkeit getreten, um selbstbewusst und proaktiv an allen Aspekten des Lebens teilzuhaben

I AM – Celebrating the Perfect Imperfect Angelika Büttner Frauenportraits Schönheit
Früher fühlte sich Tara wegen ihrer Muttermale und Narben nicht wohl – heute ist sie selbestbewußt und will jungen Menschen Mut machen

Das Schönheitsempfinden ist ein Gewohnheitstier. Je öfter wir etwas sehen, desto mehr gewöhnen wir uns an den Anblick – und um so größer wird unsere Akzeptanz dessen, was wir sehen. Von der Gewöhnung hin dazu, auch ein einst ungewohntes Bild als schön empfinden zu können, fehlt dann nur noch ein kleiner Schritt. Diesen Schritt muss die Gesellschaft wagen in einer Zeit, in der die Menschen immer älter werden. Er ist notwendig für uns alle, die wir unser Leben in jedem Bereich genießen wollen, und keine Lust darauf haben, sich ab einem „gewissen“ Alter zurückzunehmen und nur noch mehr oder weniger duldsam auf die Rente zu warten.

„Menschen beurteilen Schönheit im Kontext von sozialen Vergleichen, das heißt wir passen unser Schönheitsempfinden an unser Umfeld an. {…} Menschen verändern ihre Wahrnehmung sehr schnell, wenn sich ihre Vergleichsgruppe ändert. Da spielen heute auch die Medien eine große Rolle, die uns mit anderen Schönheitsidealen konfrontieren,“ sagt der Psychologe Lars Penke in einem Beitrag des Online-Magazins Forschung und Lehre.

Aus diesem Grund ist die Arbeit von KünstlerInnen wie Angelika Buettner so unendlich wichtig. Denn ihre Fotografien zeigen mit großer Selbstverständlichkeit Frauen von 40 bis 99, die mit ebenso großer Selbstverständlichkeit ihren Körper präsentieren. Es sind Aktfotos von Frauen, die sich ganz offensichtlich in ihrer Haut wohl und zuhause fühlen. Sie sind ganz bei sich und genießen die süße Kostbarkeit des Seins.
Und warum auch nicht? Unsere steinzeitlichen Vorfahren, für die Schönheit gleichgesetzt war mit Fruchtbarkeit, und mit deren Gen-Gedächtnis wir uns heute immer noch herumschlagen müssen, wurden im Schnitt gerade mal um die 30 Jahre alt. Wir dagegen haben im selben Alter bestenfalls noch viele Lebensjahrzehnte vor uns.

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„Das Leben ist viel zu kurz um das eigene Äussere und Innere nicht zu lieben”, so Tara

„Es ist meine Intuition, meine Vision, mein Verlangen, meine Besessenheit und mein Bestreben, die zeitlose Schönheit von Frauen über 40 zu enthüllen und zu präsentieren, um uns alle sichtbarer zu machen.”

Angelika Buettner
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Daher brauchen wir mehr, viel mehr von solchen Bildern, die offen und selbstverständlich in den Medien zu sehen sind. Wir brauchen sie, um den Blick der Öffentlichkeit, der über die letzten Jahrzehnte hinweg stets nur mit makellosen jugendlichen Körpern konfrontiert wurde, an ihren Anblick zu gewöhnen – und um die Schönheit des weiblichen Körpers auch jenseits der Jugendjahre zu entdecken. Wir brauchen sie, um deutlich zu machen: Es ist vorbei! Wir Frauen über 40 sind nicht mehr unsichtbar, wir sind hier, wir sind jetzt, wir sind gekommen, um sichtbar zu bleiben – und im Licht zu erstrahlen.

Als Pionierin dieses Anliegens hat Angelika Buettner ganze Arbei geleistet: Ihre Portraits sind sehr direkt und doch voller Poesie, die Frauen strahlen Ruhe, Gelassenheit und Lebensfreude aus – auch wenn manche von ihnen ganz offensichtlich vom Schicksal gezeichnet sind. Sie sind dick oder hager, sie haben Narben oder Geburtsstreifen, und sie stehen dennoch alle ausnahmslos zu dem Körper, den ihr Dasein so oder so geformt hat.

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„Ich bin leidenschaftlich, sinnlich und sexuell – aber niemand weiß es.” – Lee

„Wir, also die Frauen über 40, die bereit sind, ihre Sinnlichkeit zu zeigen, ohne sexualisiert zu werden, wir stehen nackt da und zeigen alles. Es wird nicht beurteilt, wie unsere Körper aussehen, wenn wir einander in die Seele blicken. Wir akzeptieren, dass wir alle Göttinnen sind.”

Angelika Buettner

„Bei meiner kommerziellen Arbeit als Fotografin bemerkte ich mit der Zeit die Abwesenheit älterer Frauen in Anzeigen und Bildstrecken,“ erzählt Angelika. „Gesichtscreme, zum Beispiel für Frauen über 50 oder 60, wurde mit Models in den Dreißigern aufgenommen und in der Postproduktion immer noch extra retuschiert, um ein perfektes Image zu erzielen. Aber was für ein Bild vermittelt dies unserem Unterbewusstsein? Ganz sicher sind solche Werbekampagnen nicht angenehm für Verbraucherinnen aus der tatsächlichen Zielgruppe, die manchmal von Selbstzweifeln geplagt werden oder sich für ihr Ausehen schämen. Es ist klar, dass Frauen über 50 niemals wie ein kosmetisch verändertes Fotomodell um die 30 aussehen können.

Trotz der Tatsache, dass wir die sexuelle Revolution und die Frauenrechtsbewegung heute bereits weit hinter uns gelassen haben, begann ich mich zu fragen, ob unsere Modemagazine womöglich noch tief in der Vergangenheit verhaftet sind – und die reife Frau, so wie sie ist, einfach nicht abbilden wollen. Ich selbst war damals 40 Jahre alt, glücklich verheiratet, und mit zwei wunderschönen Kindern. Aber ja – ich war nun auch zu einer dieser vergessenen Frauen geworden. Und da wusste ich plötzlich, dass es an der Zeit war, genau diese Frauen zu fotografieren.“

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„Bin ich als Frau ohne Brüste immer noch sexy? Ich bin schließlich innerlich noch dieselbe Person. Und ich glaube, wir alle leuchten von innen heraus – genau so sexy und schön fühle ich mich auch.” – Chiara

In diesem Sinne entwarf Angelika ein Konzept, das 2019 in der Veröffentlichung des Bildbandes „I AM“ (Englisch: „Ich bin“) gipfelte: „Mein spontaner erster Gedanke war, die Frauen nur mit natürlichem Look oder ganz ohne Make-up einzufangen und verschiedene Altersgruppen, Größen, Formen und Ethnien zu feiern. Ich wollte, dass die Frauen nicht von den Normen der Gesellschaft belastet werden, und ich wollte, dass sie sich selbst als schön empfinden können. Der Ansatz, die Frauen nackt zu fotografieren, sollte sie – aber auch mich selbst – herausfordern.”

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„Ist es umstritten, nackt zu posieren? Ja natürlich! Aber was ist falsch daran, kontrovers zu sein? Vielleicht ist es sogar die beste Vorgehensweise, um die Unsichtbarkeit zu überwinden.”

Angelika Buettner
iam themovement Angelika Büttner
Eunice rät: „Hör’ auf deinen Körper!”

„Ich hoffte, die Vorstellungen von einem vermeintlich perfekten Frauenbild, und die sinnlosen Selbstzweifel, die Frauen sich ständig auferlegen, beseitigen zu können. Ich hatte meine Kamera, um mir den Weg zu weisen – und ich folgte meiner Intuition.”

Angelika Buettner
iam themovement Angelika Büttner
„Ich fühle mich der Natur verbunden.” – Naomi

Im Laufe der ersten Portrait-Arbeiten erkannte Angelika, dass sie mit dem Projekt eine Art „sicheren Raum” für alle Frauen geschaffen hatte, die bereit waren, mitzumachen. Heute melden sich diese Frauen nicht nur im Bildband, sondern auch auf Angelikas Projekt-Webseite mit Geschichten über ihre Lebenseinstellung zu Wort. Sie berichten wie es sich anfühlte, nackt vor die Kamera zu treten, und welche Auswirkung das Projekt im Nachgang für ihr Leben hatte. Dazu kommen ganz persönliche Erfahrungen rund um Themen wie Körperlichkeit, Schicksalsschläge, Spiritualität und Gemeinschaft.

„I AM“ ist ein großartiges, wichtiges und wertvolles Projekt, das unser aller Aufmerksamkeit verdient. Es macht Mut, regt zum Nachdenken an – und verleitet förmlich dazu, sich selbst einmal wieder unvoreingenommen und ganz ohne Scham nackt im Spiegel zu betrachten …


Über Angelika Büttner

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Angelika Buettner wuchs in Deutschland auf, wo sie mit 23 ihre Karriere als Fotografin begann. Doch bald schon zog es die quirrlige Künstlerin nach Paris, heute lebt sie in New York. Ihr Markenzeichen sind verführerische Bilder mit der Anmutung von Filmszenen, ihr Schaffen ist gekennzeichnet von abwechslungsreichen aber stets stimmungsvollen Motiven mit dem dramaturgischen „gewissen Etwas”.

Angelikas Ansatz mit starken Protagonistinnen, sinnlichen Motiven und sensibler Beleuchtung hat über die Jahre eine Reihe hochkarätiger internationaler Kunden angezogen, darunter Audi, Bacardi, Douglas, Frey Wille, L’Oreal, Maybelline, Swarovski und Wolford. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Magazinen wie Vogue, Eyemazing, Glint, Madame, Neo2, Palace Costes, Plaza, Twill, Sposa, West East und vielen anderen veröffentlicht.

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I AM – Celebrating the Perfect Imperfect Angelika Büttner Frauenportraits Schönheit

Den wunderbaren Bildband „I AM – Celebrating the Perfect Imperfect“ mit 280 Seiten, 121 Fotografien sowie vielen Texten der portraitierten Frauen kann man HIER bestellen.

Mehr Informationen zu Angelika Buettners Projekt und den beteiligten Frauen gibt es auf dieser Webseite, Videos zum Thema finden sich HIER (alle hier erwähnten Inhalte sind bislang leider nur auf Englisch verfügbar).

Mehr unretuschierte Nahaufnahmen aus dem Bildband I AM

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