Wie Corona unsere Kulturlandschaft verändert – und wie wir helfen können

Kreative und Kulturschaffende halten uns in der Corona-Krise bei Laune, doch gerade für sie könnten die langfristigen Folgen gravierend sein. HEYDAY sprach mit Dr. phil. Rüdiger Koch, Kultur-Experte und ehemaliger Bürgermeister von Magdeburg, über die aktuelle Situation

Dr. phil. Rüdiger Koch
Foto: privat

So wie es aussieht, werden die staatlich verordneten Beschränkungen für viele Kultur- und Freizeiteinrichtungen nach Wochen des Shutdowns gerade vielerorts ein wenig gelockert, dennoch ist bereits abzusehen, dass die Corona-Pandemie verheerende Folgen für Theater, Opernhäuser, Museen, Kinos und ganz speziell das Live-Musikgeschäft haben wird. Doch es sind gerade die freischaffenden Künstler, die in dieser schweren Zeit das Geschehen kreativ kommentieren, zum Nachdenken anregen, und uns per Live-Stream, in den Online-Mediatheken, in Radio und TV mit ihrer Musik, Literatur, ihren Videoclips und Filmen Freude bereiten. Doch Künstler gelten nicht als systemrelevant. Warum eigentlich nicht?

Es ist klar, dass im deutschen Föderalismus-System jedes Bundesland sein eigenes Corona-Süppchen kocht, wenn es um die weitere Einhaltung oder Lockerung der aktuellen Maßnahmen geht. Auf lange Sicht wird sich die Kulturlandschaft jedoch überall in Deutschland verändern. Wir sprachen beispielhaft mit Dr. phil. Rüdiger Koch, dem ehemaligen Bürgermeister und Beigeordneten für Kultur, Schule und Sport der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt Magdeburg. Er erklärt, wie schlimm es tatsächlich um unsere Künstler bestellt ist, und wie Corona unser kulturelles Leben verändern wird.

Jetzt so wichtig wie nie zuvor: Wer selbst tätig werden, und seine Lieblingskünstler und/oder Kultur-Orte unterstützen will, der findet unter dem Interview ein paar Tipps und Links …

HEYDAY: Ein Land im Ausnahmezustand – das Coronavirus verändert viele Bereiche unseres Lebens, auch im kulturellen Sektor. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Dr. phil. Rüdiger Koch: Das gegenwärtige Feuerwerk an kreativen Ideen, Online-Plattformen und akquisitorischen Hilfsfonds darf nicht über die existenziellen Probleme von Kulturakteuren insbesondere der freien Kulturszene hinwegtäuschen. Dieses Feuerwerk darf uns nicht blenden und den Blick verstellen auf die Problemszenarien. Kurzfristig unterstützend können angemessene Hilfsprogramme der Bundesländer wirken. So stellt etwa der Freistaat Bayern 1.000 € mtl. Künstler*innen, die in der Künstlersozialkasse organisiert sind, als finanzielle Soforthilfe zur Verfügung. Kommunale Förderprogramme gehen über die vorzeitige Auszahlung beantragter Projektmittel hinaus.

Mindestens so wichtig wie eine zügige finanzielle Unterstützung ist für die Kulturakteure die intensivierte Vernetzung untereinander, sowie ein aktiver Austausch mit den Kulturverwaltungen. Hierbei sollten sich die Kulturverwaltungen mit professioneller Initiativverantwortung einbringen. Dieses wird als ein wertvolles Gepäck auch für die zukünftige Wegstrecke wahrgenommen.

Wie gehen Theater, Museen, Kinos und andere kulturelle Orte mit den aktuellen Verhaltensregeln und der sozialen Distanz um?

Gerade in Krisen- und Umbruchszeiten vermögen kulturelle Angebote menschenverbindende, emotionale Erlebnisse zu kreieren. Hierzu gehört das analoge gemeinsame Erleben, welches uns unmittelbarer vereinnahmt als ein ausschließlich digitaler Konsum. Die vielfältigen wie kreativen digitalen Plattformen in der Corona-Zeit sollten nicht darüber hinwegtäuschen. In einem aktiven kulturellen Austausch werden biografische und gesellschaftliche Werte verhandelt und wiederkehrend reflektiert und fortgeschrieben. Kultur ist eben nicht das additive Sahnehäubchen, sondern grundlegend für unser menschliches Sein. Deshalb sind kulturelle Entwicklung und soziale Distanz keine Verbündeten.

„Gerade in Krisen- und Umbruchszeiten vermögen kulturelle Angebote menschenverbindende, emotionale Erlebnisse zu kreieren“

Was bedeutet die Pandemie konkret für freischaffende Künstler und kommunale Kultureinrichtungen?

Die Problemszenarien sind offenkundig. Trotz der genannten finanziellen Hilfsprogramme fallen zahlreiche Solokünstler*innen bereits jetzt in das Grundsicherungsgesetz. Es ist absehbar, dass viele Akteure der freien Kulturszene mit dem Verlust ihrer Existenzgrundlage nicht mehr die Kraft für einen Neustart aufbringen werden. Dieser Verlust wird Narben im Gesicht unserer Gesellschaft hinterlassen. Vergegenwärtigen wir uns hierbei, dass uns diese Kulturakteure mit ihrer Kunst beschenkt haben, ohne dabei den finanziellen Erfolg im primären Lebensfokus zu haben. Ich wehre mich deshalb dagegen, ihre Situation mit der kalten Elle einer auf Gewinnmaximierung geeichten Bewertungsskala zu bemessen. Die Corona-Pandemie stellt auch die großen landes- und kommunalgetragenen Kultureinrichtungen, die Schauspiel-, Opern- und Konzerthäuser, die Bibliotheken und Musikschulen, vor außergewöhnliche Herausforderungen. Die aktuelle Spielzeit scheint coronabedingt vorzeitig beendet werden zu müssen, langfristig geplante Festivals oder Gastierprojekte wurden bereits gecancelt. Und mit welchem Programm und welchen vertraglichen Verpflichtungen gehen die Häuser in die kommende Spielzeit? Bei allem müssen sich die Träger dieser Kulturinstitutionen auf finanzielle Mehrbelastungen einstellen, die bisherige Budgetvorgaben zur Makulatur werden lassen.

„Das gegenwärtige Feuerwerk an kreativen Ideen, Online-Plattformen und akquisitorischen Hilfsfonds darf nicht über die existenziellen Probleme von Kulturakteuren insbesondere der freien Kulturszene hinwegtäuschen“

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„Es ist absehbar, dass viele Akteure der freien Kulturszene mit dem Verlust ihrer Existenzgrundlage nicht mehr die Kraft für einen Neustart aufbringen werden. Dieser Verlust wird Narben im Gesicht unserer Gesellschaft hinterlassen. “

Wie sehen die langfristigen Auswirkungen, die die Pandemie auf unser kulturelles Leben hat, aus? Was erwartet uns?

Die Corona-Pandemie wird sich über Jahre, wohl ein Jahrzehnt, finanziell auswirken. Mit bis zu einem Drittel ihres konsumtiven Jahresbudgets haben sich coronabedingt bereits zahlreiche Kommunen zusätzlich verschuldet. Auch deshalb wurden erste Haushaltssperren ausgesprochen. Demnach dürfen nur unabweisbare, vertraglich fixierte Ausgaben getätigt werden. Es wäre deshalb naiv zu meinen, die Kommunen als Hauptförderer der Kultur kämen in den kommenden Jahren ohne eine besonders stringente Haushaltsführung aus.

Die Corona-Pandemie wird Gesellschaften verändern. In der Aufarbeitung wird die Kultur mit auf das „Wie“ Einfluss nehmen. Eine coronabedingte Schwächung der kulturellen Infrastruktur würde langfristige Schatten werfen.

Was können wir als Gesellschaft für die Kulturbranche tun?

Oft außerhalb der überregionalen Öffentlichkeit, dürfen wir in diesen Zeiten die Kulturakteure in den ländlichen Regionen und kleineren Städten nicht übersehen. Ihre Unterstützung und die Solidarität insbesondere mit der freien Kulturszene werden vonnöten sein. Kultur- und dienstleistungszentrierten Ballungsräumen drohen durch die Corona-Krise innovative Potentiale wegzubrechen. Dieses größtmöglich zu verhindern, ist gegenwärtig eine der vornehmsten Herausforderungen der verantwortlichen Entscheidungsebenen.

Die Kultur insgesamt, ihr innovatives und wertevermittelndes Potential, ist für unser gesellschaftliches Klima, für eine offene Gesellschaft, ein unverzichtbares Agens. Es sind Kulturakteure, die uns aus den gegenwärtigen Quarantäne-Grenzziehungen entführen und emotional verbinden.

1995 kamen sie nach in Landeshauptstadt Magdeburg, in der sie bis zu Ihrem Ruhestand als Bürgermeister tätig waren. Wie hat sich die Stadt nach der Wende kulturell entwickelt?

Wie im Osten Deutschlands, so ist auch die Entwicklung Magdeburgs in den Nachwendejahren von gravierenden Um- und Aufbrüchen auf allen gesellschaftlichen Feldern gekennzeichnet. Nach meiner Wahl zum Beigeordneten für Kultur, Schule und Sport begegnete ich diesen Herausforderungen ab 1996 mit der Erarbeitung themenbezogener Kulturentwicklungskonzepte (Stadtteil, Theater, Museen, Bibliotheken etc.), ihren Umsetzungen mit einem rechenschaftslegenden Statusbericht (2005) sowie einer 2011 folgenden Kulturcharta, welche das Ergebnis eines breit angelegten gesellschaftlichen Diskurses beinhaltete und die kulturpolitischen Ziele für das neue Jahrzehnt formulierte. In diesen fünfzehn Jahren war es gelungen, die Bedeutung der Kultur als öffentliche Aufgabe zunehmend in der Bürgerschaft zu verankern. Meine Wahl zum Bürgermeister der Stadt im Jahr 2008 mag hierfür ein Ausdruck sein. Im Ergebnis wurden Kulturhäuser umfassend saniert oder neu errichtet, wie das Schauspielhaus, Puppentheater, Konservatorium, Literaturhaus, die Bibliotheken, Museen, Jugendkunstschule, Theaterwerkstätten sowie eine Reihe stadtteilkultureller Zentren. Der prozentuale Anteil der Kultur am Gesamtbudget der Stadt konnte sich verdoppeln. Dieses ist in der Geschichte Magdeburgs ohne Vergleich. Weiterhin bewog die vorgelegte Kulturcharta den Stadtrat dazu, eine Bewerbung der Stadt um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ anzuregen.

Wie sehr bekommt Madgeburg Corona zu spüren?

Der coronabedingte Shutdown wirkte wie eine öffentliche Vollbremsung. Die nach der Wende erreichte kulturelle Infrastruktur und kulturpolitische Diskursqualität könnten sich für Magdeburg nunmehr als eine hilfreiche Arznei auswirken. Gleichwohl muss in dieser Zeit den Schwachen, der tendenziell unterfinanzierten freien Kulturszene ein besonderes Augenmerk gelten. Auch ist Kultur als systemrelevant einzustufen. Aktuell und nach Corona haben dieses einschlägige Verordnungen und Sonderprogramme zu reflektieren.

Kultur
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Magdeburg
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Was kann ich tun?

Wem nach der Lektüre des Interviews Angst und Bange um das Schicksal der persönlichen Lieblingskünstler oder Kultur-Orte geworden ist, kann sich an einer der zahllosen Spendenaktionen beteiligen, die gerade im Internet laufen. So hat zum Beispiel die Crowdfunding-Platform Start Next bereits weit über sechs Millionen Euro für Künstler, Musiker, Musik-Bars und weitere kleine und große Kultur-Orte aller Art eingesammelt.
Alle Portale und Aufrufe hier aufzuzählen würde den Rahmen sprengen, es reicht jedoch aus, in der Internet-Suchmaschine des Browsers “Spenden für Künstler Corona” einzugeben, vielleicht noch ergänzt durch die gesuchten Künstler, den Spielort oder einfach den eigenen Wohnort. Natürlich kann man im selben Kontext auch nach Theatern, Galerien, Buchläden oder Kleinkunst-Kneipen suchen. Im Suchergebnis finden sich dann unzählige Artikel, Web-Adressen und Initiativen für jeden Geschmack – vom Nothilfefonds der Deutschen Orchester-Stiftung über den internationalen Spendenaufruf vom Musik- und Podcast-Streaming-Dienst Spotify, bis hin zum Theater-Aktionsbündnis Ensemble Netzwerk, der staatlichen Initiative Musik, und, und, und.

HEYDAY meint: Mitmachen! Jeder noch so kleine Betrag hilft – damit wir uns auch in Zukunft noch über viele schöne und unvergessliche kulturelle Erlebnisse freuen dürfen …

Dr. phil. Rüdiger Koch
Foto: privat

Über Dr. phil. Rüdiger Koch

1949 in Rendsburg geboren, zog es Dr. phil. Rüdiger Koch 1995 von Niedersachsen in den Osten Deutschlands. 1995 wurde er in Magdeburg vom Stadtrat zum Beigeordneten für Kultur, Schule und Sport der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt gewählt, 2008 avancierte er zum Bürgermeister. Seiner kulturpolitischen Arbeit ist es zu verdanken, dass in den Nachwende-Jahren keine Kultureinrichtung geschlossen werden musste, sondern alternative und verlässliche Wege für den Weiterbetrieb entwickelt wurden. Seine Amtszeit in Magdeburg war geprägt von großen Umbrüche und Erneuerungen, zukunftsweisenden Entscheidungen und grundlegenden Veränderungen wie dem Aufbau einer Stadtteil- und Soziokultur, die Entwicklung der Museumslandschaft und die Profilierung der Theater und Bibliotheken.


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