„Wir brauchen mehr Frauen in der Politik“

Die neue Kampagne #YouRule von Esprit und UN Women setzt sich für Rechte von Frauen in allen Lebensbereichen ein. HEYDAY sprach mit Dr. Ursula Sautter darüber, wie wir die Veränderung aktiv mitgestalten können

Gesponserter Artikel in Kooperation mit Esprit

Allie Smith/Unsplash
Frauenrechte sind Menschenrechte: Jedes Mädchen und jede Frau verdient Chancengleichheit und ein selbstbestimmtes Leben
Foto: Allie Smith/Unsplash

Warum sind Frauen in vielen Bereichen immer noch stark benachteiligt? Warum dauert es so lange, bis sich etwas ändert? Wie können wir das Thema Gleichberechtigung vorantreiben? Im Rahmen des Panel Talks, der anlässlich der erneuten Zusammenarbeit von Esprit und UN Women im Flagship-Store Berlin stattfand, sprach HEYDAY mit der stellvertretenden Vorsitzenden von UN Women Deutschland, Dr. Ursula Sautter, über Frauenrechte, Altersarmut und die Zukunft unserer Gesellschaft.

Dr. Ursula Sautter im Interview mit HEYDAY MAGAZINE
Foto: Sina Dauernheim

HEYDAY: Für viele Frauen in Europa waren Dinge, mit denen wir heute ganz selbstverständlich leben, noch vor 100 Jahren unerreichbar. Für viele ist es heute noch so. Wo finden wir heute die größten Defizite im Bezug auf Geschlechtergleichstellung?

Dr. Ursula Sautter: In Deutschland haben wir in Sachen Gleichberechtigung viel erreicht. Aber es gibt immer noch viele systemische Benachteiligungen für Frauen, die dazu führen, dass sie de facto noch immer schlechter gestellt sind. Das belegen die niedrigen Anteile von Frauen in Führungspositionen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Sei es in der Politik, der Wirtschaft, der Kirche, im Sport. Dahinter stehen über viele Jahrhunderte tradierte Klischees und Machtstrukturen, die sich nur langsam abbauen lassen.

Momentan gibt es ja ganz viele Veranstaltungen und Paneltalks von Frauen für Frauen. Aber mit Reden alleine kommen wir ja nicht weiter. Oder doch?  

Über Gleichstellung reden ist sicherlich ein guter erster Schritt. Aber das reicht nicht. Wenn wir eine kritische Masse erreichen wollen, müssen mehr Frauen – und auch Männer – aktiv werden und sich dafür einsetzen, dass sich die Dinge auch wirklich ändern. Dieser Schritt fällt vielen nicht leicht: Er bedeutet Anstrengung, das Verlassen der Komfortzone, das Aushalten von Kritik und Spott und natürlich auch Frustration. Vor allem wenn man nicht so schnell erfolgreich ist, wie man das gerne möchte. Deshalb ist es wichtig, sich zusammen zu tun, um sich gegenseitig zu ermutigen und in schwierigen Phasen zu unterstützen.

Welche Vorschläge hast Du, um aktiv etwas an der derzeitigen Situation zu ändern?

Wir müssen uns vernetzen und uns gegenseitig anregen. Dafür brauchen wir unter Frauen mehr Solidarität. Wir müssen in die Politik gehen. Dahin, wo die Gesetze gemacht werden, in die Landtage und in den Bundestag. Wenn dort immer noch 80 Prozent Männer sitzen, werden die Gesetze für Männer gemacht. Stichpunkt Verhandlungen nach Kriegen: Die Frauen müssen mit an die Konferenztische, sonst werden die Belange von Frauen in den Übereinkommen einfach nicht berücksichtigt.

Du bist Mitte 50 und kandidierst für den Stadtrat. Warum erst jetzt? Ist man mit Mitte 30 noch nicht reif genug für die Politik?

Das kann man nicht verallgemeinern. Ich selber hatte zuerst eine Karriere als Journalistin beim TIME Magazine, die ich niemals für die Politik aufgegeben hätte. Darüber hinaus war ich dann längere Zeit für meine Mutter verantwortlich. Da wäre es nicht der richtige Zeitpunkt gewesen. Aber ich wollte unbedingt versuchen, in die Fussstapfen meiner Oma zu treten, die vor 100 Jahren als Abgeordnete zu den ersten Frauen in der Politik hier im Rheinland gehörte. Und jetzt ist es soweit.

Was hätte Priorität auf deiner Agenda? Was ist grundsätzlich das Wichtigste, das sich in der Politik ändern muss?

Das Thema Gleichstellung sollte nicht mehr als lästige Pflichtaufgabe gesehen werden. Leider ist das häufig noch immer so. Es sollte sich das Verständnis durchsetzen, dass nicht nur Frauen und Mädchen davon einen Nutzen ziehen, sondern die Gesellschaft, die Politik und der Privatsektor. Gleichstellung muss in positivem Sinne selbstverständlich werden.

Warum dauert es so lange, bis sich etwas ändert?

Bei vielen Themen, insbesondere der Sorgearbeit, ist die allgemeine Einstellung immer noch von Vorgestern. Wenn Sorgearbeit geleistet wird, dann macht das immer noch häufig die Frau, weil sie das vermeintlich besser kann. Stichpunkt Elternzeit. In Beziehungen wird häufig geschaut, wer verdient weniger, wer verdient mehr, wo tut’s weniger weh. Am Ende sind es überwiegend die Frauen, die zu Hause bleiben. Man will die Einbußen so gering wie möglich halten. Also gehen die Frauen in zwölf Monate Elternzeit, gerade mal sechs Prozent der Männer nehmen zwei Monate. Es fehlen Rollenvorbilder, so dauert es eben wahnsinnig lange bis sich was ändert.

Viele Frauen haben mit zunehmendem Alter Angst, dass ihre Rente nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Wie unterstützt ihr bei UN Women Frauen, die in Altersarmut leben?

Mehr als über 70 Prozent aller Frauen sind weltweit von Armut bedroht – auch schon lange, bevor sie alt sind. Grund dafür ist die anhaltende Diskriminierung beim Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Beschäftigung. Die Förderung von Frauen, ihrer wirtschaftlicher Sicherheit und ihrer Rechte ist eine Kernaufgabe von UN Women. Wir setzen uns dafür ein, geschlechtsspezifische Perspektiven in die Handels- und Wirtschaftspolitik einzubeziehen, damit Frauen einen Weg aus der Armut finden. UN Women unterstützt die Bemühungen, eine geschlechtsspezifische Perspektive in den Bereichen Armutsbekämpfung, Bilanzen sowie die Daten-und Handelspolitik zu integrieren.

Wie sieht diese Hilfe im Detail aus?

Wir von UN Women sind ganz praktisch in den unterschiedlichsten Projekten vor Ort tätig, um Frauen wirtschaftlich zu stärken und um sie nachhaltig in die Lage zu versetzen, ein eigenes Einkommen zu erzielen. Mit dem Fonds für die Gleichstellung der Geschlechter unterstützt UN Women Programme, die Frauenrechte stärken, indem sie den Zugang zu Land, Krediten und Produktionsmitteln verbessern und eine soziale Absicherung ermöglichen.

70% aller Frauen weltweit sind von Altersarmut bedroht – auch schon lange bevor sie alt sind“

„Wir haben es in der Hand“, sagt Dr. Ursula Sautter von UN Women
Foto: Esprit

Die Stärkung der Frau bringt Vorteile für die gesamte Gesellschaft: profitablere Unternehmen, intaktere Familien und weniger Extremismus

Was haben die Gender Pay Gap und die Gender Care Gap mit Altersarmut zu tun?

In Deutschland beziehen Frauen durchschnittlich 21,6% weniger Gehalt als Männer. Denn sie arbeiten häufiger in Teilzeit, um Beruf und Familie vereinbaren zu können und haben größere Lücken in ihrer Erwerbsbiografie. Diese sogenannte Sorgearbeit für Haushalt, Kinder und pflegebedürftige Eltern wird nicht bezahlt und in der Rente nicht adäquat berücksichtigt. Dazu kommt, dass Frauen häufiger aufgrund ihrer Berufswahl und Position schlechter bezahlt werden als Männer. All dies führt dazu, dass Frauen hierzulande über ein um 46% geringeres Alterseinkommen verfügen. Damit ist Deutschland für die Gender Pension Gap trauriger Spitzenreiter in Europa.

Du selbst hast auch unbezahlte Sorgearbeit geleistet, als du deine Mutter betreut hast. Würdest du es wieder tun?

Absolut. Mein Ziel war es, meiner gehbehinderten Mutter den Wunsch zu erfüllen, bis zu ihrem Tod zuhause leben zu können. Das habe ich geschafft und darauf bin ich sehr stolz. Ich habe täglich etwa vier Stunden bei ihr verbracht – nicht nur, um sie zu bekochen und zu pflegen, sondern vor allem, um sie zu unterhalten. Sie war eine äußerst gebildete und wissensdurstige Frau. Eine der ersten, die nach dem Krieg in Deutschland promoviert hatten. Sie brauchte diesen Austausch, um glücklich zu sein.

Unsere Gesellschaft wird immer älter. Es leben immer mehr Menschen in Single-Haushalten. Welche Vorschläge hast du zum Thema Leben im Alter und Seniorenbetreuung?

Ich wünsche mir Wohnformen, in deren Rahmen Alte und Junge, Familien und Alleinstehende in einem Wohnkomplex zusammenwohnen und sich gegenseitig unterstützen können – gerade im Zeitalter der Kernfamilie. Meine Großeltern waren alle schon gestorben, bevor ich mich an sie erinnern konnte. Also habe ich meine Mutter gebeten, eine wunderbare Dame in unserer Kirchengemeinde zu fragen, ob sie meine Ersatzoma sein wollte. Sie war das, was man damals so gemein eine „alte Jungfer“ nannte und willigte ein. Das war für alle Beteiligten super! Wichtig ist auch, dass unbezahlte Pflege-Arbeit zuhause, egal ob Pflegejahre für Kinder oder die Pflege der eigenen Eltern, wertgeschätzt und angemessen bezahlt wird. Bei der Berechnung der Rente sollte diese Arbeit berücksichtigt werden. Denn da geht der Anspruch an Zuschüssen radikal nach unten.

Moderatorin Hadnet Tesfai leitete den Talk
Foto: Esprit
Die Haupt-Themen des Abends: Frauenrechte, Equal Pay und Equal Care
Foto: Esprit
Die Panel-Teilnehmerinnen von links nach rechts: Influencerin Nike van Dinther, Almut Schnerring (Equal Care Day Initiatorin), Moderatorin Hadnet Tesfai, Dr. Ursula Sautter (UN Women Deutschland) und Natascha Wegelin alias Madame Moneypenny 
Foto: Esprit
Von Frau zu Frau: Stephanie Neubert von HEYDAY MAGAZINE im Gespräch mit Dr. Ursula Sautter
Foto: Sina Dauernheim
Die limitierten T-Shirts mit dem #YouRule“- Print…
…sind aus nachhaltiger Baumwolle

Die Slogan-Shirts „You Rule” von Esprit gibt es in Weiß für Damen HIER und in Schwarz für Herren für ca. 20 Euro HIER online zu bestellen.

Dr. Ursula Sautter im regen Austausch
Foto: Esprit

Der Kampf um Gleichberechtigung betrifft jeden, Männer und Frauen. Das sehen sicher nicht alle Männer so. Was müssen Männer ändern, um mehr für die Gleichberechtigung tun?

Einfach offen sein für den Gedanken, dass es da eine Schieflage gibt, die man allein schon aus einem inhärenten Gerechtigkeitsgefühl ändern sollte. Nicht jeder Mann hat eine Tochter, eine Enkelin oder eine Schwester. Aber jeder hat eine Mutter. Also sollte er sich fragen: Was würde ich mir für diese Frauen wünschen? Gleiche Rechte sollte da die automatische Antwort sein. Das versucht UN Women übrigens mit der Kampagne #heforshe zu vermitteln. Denn nur wenn sich Männer und Jungen für die Gleichstellung von Frauen einsetzen, können wir diese auch erreichen. Wir haben das Privileg in dieser Gesellschaft, wenn wir es nur in die Hand nehmen. In vielen anderen Gesellschaften ist das keine Option. Wir haben die Pflicht, daraus was zu machen.

Warum bringt es unserer Gesellschaft Vorteile, Frauen zu stärken?

Gleichberechtigung bringt vieles: profitablere Unternehmen – für diejenigen, die gerne in schwarzen Zahlen denken, intaktere, gesündere Familien und glücklichere Kinder. Und auch weniger Extremismus.

Du lebst seit ein paar Jahren mit einem Flüchtlingskind aus Eritrea zusammen. Was hat das in dir bewirkt?

Hiwet ist für mich ein Vorbild. Sie hat auf ihrer mehr als dreijährigen Flucht aus Eritrea viel Schlimmes erlebt und ist trotzdem voller Optimismus und Lebensfreude. Sie zeigt mir jeden Tag, dass es sich lohnt, für Menschenrechte zu streiten.

Was wünschst du dir persönlich für die Zukunft unserer Gesellschaft?

Ein friedliches, glückliches Leben in einer Welt, in der Frauen und Mädchen wirklich gleichgestellt sind und ihre Träume verwirklichen können.


„Frauen leisten 52% mehr Sorgearbeit als Männer”


Dr. Ursula Sautter
Sie weiß, wovon sie spricht: Dr. Ursula Sautter, die stellvertretende Vorsitzende von UN Women Deutschland, hat jahrelang ihre Mutter gepflegt
Foto: privat

Un Women Deutschland

Dr. Ursula Sautter ist stellvertretende Vorsitzende von UN Women Deutschland. Nach 14 Jahren als Deutschlandkorrespondentin für das amerikanische TIME Magazine arbeitet sie seit 2012 für den Hildegardis-Verein, den ältesten Verein für die Förderung von Frauenstudien in Deutschland. Dieses Jahr kandidiert sie für den Stadtrat in ihrer Heimatstadt Bonn, um insbesondere Frauen-, Inklusions- und Bildungsthemen zu vertreten.


Esprit
Fotos: Esprit

Esprit X UN Women



Mit der Frühjahrskampagne 2020 #YouRule und mehreren Panel Talks in drei europäischen Städten möchte Esprit das Thema Gleichberechtigung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Wie auch schon im letzten Jahr wird Esprit im Rahmen der Kampagne die Arbeit von UN Women finanziell unterstützen. Ältere und junge Generationen, sowohl Frauen als auch Männer, Jungen und Mädchen sollen motiviert werden, sich gemeinsam für das Thema Geschlechtergleichstellung stark zu machen.

„Seit Gründung in den späten 60ern steht die Marke Esprit für eine positive Lebenseinstellung, Gleichberechtigung und Zusammenhalt – Werte, die in unserer heutigen Zeit wichtiger sind denn je“, sagt Esprit Group CEO Anders Kristiansen.
„Gemeinsam mit UN Women wollen wir den Wandel zu einer gleichberechtigten Gesellschaft vorantreiben. Dazu gehört für uns die Unterzeichnung der von UN Women entwickelten Women’s Empowerment Principles, eine weltweite Initiative, die gezielt das Thema Förderung von Frauen in Unternehmen aufgreift, um Frauen am Arbeitsplatz, auf dem Arbeitsmarkt und in der Gemeinschaft zu stärken.“



In dem heutigen Tempo dauert es noch 257 Jahre bis zur wirtschaftlichen Gleichstellung der Geschlechter

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