„Glück kann man trainieren“

Die Wissenschaftsjournalistin Bettina Homann bloggt auf Happster über das Suchen und Finden des Glücks

Wie definiert man Glück? Was bedeutet es eigentlich, glücklich zu sein? Und unter welchen Bedingungen sind wir happy? Mit diesen Fragen und deren Antworten beschäftigt sich Bettina Homann (55). Die Wissenschaftsjournalistin, die mit ihrer Familie am Berliner Stadtrand lebt und als freie Autorin tätig ist, hat sich schon immer für die Erforschung des Glücks interessiert. Nach dem Abschluss ihrer Science of Happiness-Ausbildung an der UC Berkeley gründete sie den Blog Happster, auf dem sie das Glück in all seinen Facetten erkundet. Mit Heyday hat Bettina über die Suche nach dem Sinn des Lebens gesprochen.

Du bist Journalistin, Meditationslehrerin und beschäftigst dich beruflich mit dem Glück. Wie bist du zur Glücksforschung gekommen?

Aus der eigenen Motivation heraus. Der Traumaforscher Bessel van der Kolk hat mal gesagt: „Every research is me search“. Ich bin von Natur aus kein super fröhlicher Mensch und hatte immer wieder Phasen, in denen es mir nicht so gut ging. Also habe ich mich auf die Suche gemacht. Als Wissenschaftsjournalistin haben mich ohnehin die Neurowissenschaften immer am meisten interessiert. 2014 habe ich dann für den Zitty-Verlag das Sonderheft Glücklich konzipiert und im Zuge dessen an der UC Berkely Science of Happiness studiert. Dadurch konnte ich vieles besser verstehen. So kam es zu der Gründung meines Blogs Happster. Im Bereich der Glücksforschung hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Inzwischen kann man durch die Magnetresonanztomographie, kurz MRT, sehr genau messen, was im Hirn passiert und welche Gehirnareale aktiviert werden, wenn wir bestimmte Emotionen empfinden. Parallel dazu habe ich in Kalifornien die Ausbildung zur Yoga Nidra-Lehrerin absolviert, eine relativ unbekannte Yoga-Richtung, bei der es um völlige Tiefenentspannung geht. Außerdem gebe ich Workshops und schreibe für unterschiedliche Medien.

Es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass wir alle unzufrieden sind, obwohl es uns im Vergleich zu anderen Menschen wirklich gut geht. Wie hat sich die Definition von Glück im Laufe der Zeit geändert?

Lange Zeit hatte man die Vorstellung, dass Glück den Menschen von Gott oder dem Schicksal zugeteilt wurde. War der Vater Schuster, wurde meistens auch der Sohn Schuster – ob es ihn erfüllte oder nicht. Die Frage hat sich in früheren Zeiten gar nicht gestellt. Da die Menschen früher also weniger nachgedacht und ihr Leben oft einfach hingenommen haben, waren sie tatsächlich glücklicher. Denn das Paradoxe ist: Je mehr wir über unser Glück nachdenken, umso unglücklicher werden wir. Das ist sogar wissenschaftlich belegt. Ein Beispiel: Bei einer Studie wurde zwei Gruppen eine Komödie vorgeführt. Die eine Gruppe sollte einfach nur den Film ansehen. Die Teilnehmer der anderen Gruppe wurden ständig gefragt, wie es ihnen dabei geht. Das Ergebnis war, dass die zweite Gruppe total angespannt war, weil sie sich andauernd Gedanken über ihren Gefühlsstatus machen sollte. Immer gut drauf sein zu müssen, kann nämlich ganz schön anstrengend sein und zu dauerhafter Unzufriedenheit führen. Heute heißt es ja: „Du kannst alles schaffen und alles haben. Du musst dich nur selbst darum kümmern und dich genug anstrengen. Wenn du nicht glücklich bist, bist du selbst Schuld.“ Dieser Gedanke ist auch ganz stark in der amerikanischen Kultur verankert. Dass die Verfassung der Vereinigten Staaten den Bürgern das Recht auf das Streben nach Glück garantiert, war damals ein Riesenfortschritt. Doch das hat dazu geführt, dass es in den USA quasi Pflicht ist, gut drauf zu sein. Das ist auch ein Grund, warum der Konsum von Psychopharmaka in Amerika sehr hoch ist. Die Menschen haben verlernt, „negative“ Gefühle zuzulassen und zu akzeptieren.

„Die Menschen haben verlernt, negative Gefühle zuzulassen und zu akzeptieren“

Wie definieren Wissenschaftler Glück?

In der Forschung wird Glück als eine Kombination aus positiven Gefühlen und allgemeiner Lebenszufriedenheit definiert. Meiner Meinung nach ist es ein Trugschluss, Glück ausschließlich mit angenehmen Gefühlen zu assoziieren. Wenn wir mal schlecht drauf, müde oder gereizt sind, denken wir meist gleich: „Oh, ich bin unglücklich.“ Wenn man sich aber klar macht, dass es eher um die größere Vorstellung von Glück geht, merkt man, dass schlechte Laune, Trauer und Wut dazugehören. Im Grunde ist es ja so: Wir alle sind auf der Suche nach einem Sinn und Wohlbefinden im Leben. Der Philosoph Alain de Botton verwendet daher statt Glück den Begriff Erfüllung. Dabei geht es um die Gewissheit, das für mich richtige Leben zu führen. Ein Beispiel: Nelson Mandela hat zwar viele Jahre im Gefängnis verbracht und war dort sicherlich nicht immer happy, aber im Großen und Ganzen hat er womöglich ein glückliches, erfülltes Leben geführt. Weil er das getan hat, was er für richtig hielt. Aus voller Überzeugung. Wer nach dauerhaftem Wohlbefinden strebt und Dingen, die sich sich nicht gut anfühlen, aus dem Weg geht, wird auf Dauer scheitern.

Wie können wir dauerhaft glücklicher werden?

Indem wir unser Gehirn trainieren. Bei der Glücksforschung lernt man, seine Gedanken zu steuern. So trainiert man automatisch auch seine Gefühle. Studien belegen, dass emotionale Zentren aktiv werden, kurz nachdem ein bestimmter Gedanke aufkommt. Das heißt: Auf einen Gedanken folgt eine Emotion. Von klein auf lernen wir, uns selbst zu bewerten. Meistens geschieht das unabsichtlich durch die Eltern. Auch ich bin da keine Ausnahme. Ich weiß, dass es nicht besonders glücksfördernd ist, ständig jeden und alles zu bewerten. Dennoch ertappe ich mich im Alltag ab und zu selbst dabei.


Was ist Happster?

Auf Happster begibt sich Bettina Homann auf die Suche nach dem Glück. Neben ihren eigenen Erfahrungen, die sie in Kolumnen niederschreibt, gibt es viele spannende Interviews.
Absolut lesenswert: Das Gespräch mit dem Philosophen Alain de Botton, der davon überzeugt ist, dass man Glück trainieren kann. Oder auch das Interview mit Wolfram Putz, der mit seiner Architektur Hollywood-Stars und Flüchtlinge gleichmaßen glücklich macht. Auch unsere Pro-Age-Expertin Elena Lustig erzählt dort von ihrem Weg vom Knackarsch zur Erleuchtung.


Hast du eine Strategie, wie wir mit dieser negativen Gedanken leben können?

Es geht darum, ein klares Gefühl für sich zu entwickeln. Der erste Schritt ist, wahrzunehmen, wie oft und wann diese unfreundlichen Gedanken bei mir selber aufkommen. Ist es schon morgens, wenn ich in den Spiegel schaue und mein müdes Gesicht sehe? Oder wenn ich meine Hose zuknöpfe, die gerade etwas mehr spannt als früher? Im nächsten Schritt empfehle ich immer, positive Gedanken und Dankbarkeit in den Alltag einzubauen. Am besten, indem ich jeden Tag etwas zu mir sage, worüber ich mich freue: Ich bin dankbar, dass mein Körper funktioniert. Auch wenn ich ein paar Speckrollen oder Augenringe habe. Am besten Dinge, die uns als vermeintlich selbstverständlich erscheinen, aber es eigentlich nicht sind. Dadurch schärfen wir unsere Achtsamkeit. Schon ein paar Minuten am Tag reichen aus – Hauptsache, man macht es regelmäßig.

Wie stehst du dem Älterwerden gegenüber?

Mir fällt das alles auch nicht immer leicht. Die Falten, das Nicht-mehr-so-knackig-sein – all diese Begleiterscheinungen erlebe ich gerade hautnah mit. Deswegen ist es mir ein Anliegen, meine Erkenntnisse mit anderen zu teilen, ob in Workshops oder auf meinen Blog Happster. Wir sollten uns immer vor Augen halten, dass zu einer gelassenen positiven Grundhaltung auch schlechte Tage gehören. Was ich ganz schlimm finde, ist die Verlogenheit unserer Gesellschaft. Ein Beispiel: Melania Trump wird immer wegen ihrer Schönheitsoperationen verspottet. Doch wenn sie nichts hätte machen lassen, würden alle sagen: „Oh, die könnte sich aber mal ein bisschen optimieren.“ – Jede Frau soll doch machen, was sie will.

„Wir brauchen mehr authentische und ehrliche Social Media Accounts, die auch mal die Schattenseiten des Lebens zeigen”

Wie gehst du mit dem Perfektionismus auf Social-Media um?

Eins kann ich sagen: Je mehr wir uns vergleichen, desto unglücklicher werden wir. Das beobachte ich auch an mir. Dieser Instagram-Sog kann gefährlich sein. Deswegen versuche ich, bewusst auszuwählen, wem ich folge. Eine Person ist zum Beispiel Elizabeth Gilbert, die den berühmten Roman Eat Pray Love geschrieben hat. Sie zeigt sich auf ihren Social Media Accounts sehr ehrlich und offen – mit allen Schattenseiten, die das Leben zu bieten hat. Und ist damit super erfolgreich. Es wäre schön, wenn es mehr solche Frauen gäbe.

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