Mehr Diversität, bitte!

Carola Niemann gründete 2018 im Alleingang die erste deutsche Modezeitschrift für kurvige Frauen – TheCurvyMagazine ist mittlerweile ein konkurrenzloser Anlaufpunkt für eine große Zielgruppe. HEYDAY sprach mit der Entrepreneurin und Mode-Expertin in ihrem Atelier in München.

HEYDAY: Du bist eine erfahrene Moderedakteurin und Stylistin und hast schon bei vielen Hochglanzmagazinen als Modechefin die Trends und Looks vorgegeben. Wie entstand die Idee, ein eigenes Magazin für eine ganz neue Zielgruppe zu starten?

Carola Niemann: Ich hatte mir schon immer überlegt, einmal etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. In jeder Anstellung – ob beim Männermagazin Maxim oder beim Frauenmagazin Cover habe ich stets den Markt analysiert und überlegt was fehlt. So habe ich schon damals nebenbei Konzepte entwickelt – etwa für ein erotisches Frauenmagazin oder ein modernes Lifestylemagazin für coole Singles. Als ich im Jahr 2016 das Angebot erhielt, die Modeleitung für die Wiederauflage des Magazin-Klassikers Allegra zu übernehmen, hatte ich schon die ersten Ideen für eine Plattform für mollige Frauen in der Schublade, habe diese dann aber noch ein Jahr lang zur Seite gelegt. Die ursprüngliche Idee entstand bei einem Modeshooting, bei dem die schlanken Models sich zu dick fühlten, da die Designermodelle für die Fotoaufnahmen enger geschnitten waren.

Was ist die Hauptaussage von TheCurvyMagazine?

Unsere Message ist: Du wirst gesehen und Du bist gut so wie Du bist. Lebe im Hier und Jetzt! Warte nicht, bis du vielleicht fünf oder zehn Kilo weniger hast! Kein Leben in der Warteschleife!

Wie stehst Du zu dem Selbstoptimierungsdruck, unter dem viele Frauen heutzutage stehen?

Ich hoffe, dass dieser Optimierungs-Wahnsinn bald nachlässt. Aber heute trifft es auch Männer, die einem pefekten Body und gepflegtem Aussehen hinterhereifern. Ich denke, man sollte in der Gegenwart leben – und wenn man gerade etwas mehr auf den Hüften hat, dann ist das eben so. Man muss sich deswegen nicht verstecken. Man kann alles machen, wenn man es für sich selber so möchte, aber bitte nie aufgrund gesellschaftlicher Zwänge.

Wie denkst Du über die Macht von Instagram?

Das ist meiner Meinung nach ein zweischneidiges Schwert. Fluch und Segen sozusagen. Wenn man sieht, dass viele Frauen auf Instagram eine falsche Welt vortäuschen, einem von Perfektion geprägten Schönheitsideal unter Anwendung von Filtern und Bildbearbeitungsprogrammen hinterherlaufen, und manche sogar so weit gehen mit invasiven Eingriffen nachzuhelfen, dann ist das furchtbar, aber vor allem auch sehr traurig. Aber andererseits ist Instagram sicher für viele Frauen ein gewisser Segen – mit Hashtags wie etwa #curvy können sie Inspirationen und sogar Vorbilder entdecken. Zum Beispiel Frauen mit Rundungen, die selbstbewußt im Leben stehen. Und das bedeutet: Du bist nicht allein! Mittlerweile gibt es eine große Community, die Mut macht. Diese Aufmerksamkeit gab es vor Instagram nicht, da lief im TV höchstens mal eine Hella von Sinnen.

Wie siehst Du die Rolle von kurvigen Frauen in der Gesellschaft?

Unterrepräsentiert und noch lange nicht wo sie sein sollte. Diversität muss einfach noch mehr, ganz regelmässig und selbstverständlich in den Medien statt finden. Das betrifft ja nicht nur dicke Frauen, sondern auch bestimmte Altersstrukturen und Ethnien. Hier stehen noch viel zu viele Vorurteile im Vordergrund.


„Wenn man sieht, dass viele Frauen auf Instagram eine falsche Welt vortäuschen und einem von Perfektion geprägten Schönheitsideal unter Anwendung von Filtern hinterherlaufen, dann finde ich das traurig. Aber andererseits ist Instagram sicher für viele Frauen ein gewisser Segen – mit Hashtags, wie etwa #curvy können sie Inspirationen und sogar Vorbilder entdecken. Und das bedeutet: Du bist nicht allein!“

Carola Niemann

Rastlos und stets inspirierend: Carola Niemann auf Instagram

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Vintagemode trifft auf ausgewählte Designerstücke: Carola liebt Retro-Muster und große Schmuckstücke. Das macht ihren Look individuell.
Foto: Eda Calisti

Was rätst Du Frauen, die sich für ihre Figur schämen?

Man sollte sich nicht für sich selbst schämen. Man muss in kleinen Schritten anfangen, damit aufzuhören. Der Fokus sollte nicht auf das Optische gerichtet sein, sondern man sollte auch mal in sich hineinhorchen und schauen, was man schon alles geleistet hat – und wie der Körper einen dabei treu begleitet hat. Man sollte das Leben genießen und sich daran erfreuen, dass man gesund ist. Ja, dass man mit den Händen streicheln kann.

Kurven und Alter gehören oft zusammen – dürfen wir bald eine Curvy-Ausgabe für Frauen über 50 erwarten?

Ich würde mir wünschen, das zu realisiern, denn ich denke der Bedarf ist sehr groß. Wenn es in der Zukunft die finanziellen Umstände und vorhandene Man-Power zulassen, könnte ich mir das definitiv vorstellen. Ich finde es toll, dass ihr euch mit HEYDAY an die ältere Zielgruppe wendet und das auch ganz ohne erhobenem Zeigefinger. Dass ihr nicht vorschreibt, wie man auszusehen hat oder was man tragen darf und was nicht. (Anm. d. Red.: Das würde uns nicht im Traum einfallen.)

Welches Kleidungsstücke empfiehlst Du kurvigen Frauen?

Hier empfehle ich ganz klar gut sitzende Basics, wie ein schwarzes T-shirt oder Top, eine Jeans mit guter Passform und einen Blazer. Eine schlichte schwarze Hose oder ein Rock gehören außerdem zur Grundausstattung. Dann kann man experimentieren – etwa mit bunten Oberteilen, einem verzierten Mantel oder farbenfrohen Accessoires.

Kaschieren oder Betonen?

Definitiv betonen! Die Lieblingspartie in Szene setzen – das schmeichelt immer der Shilouette!

Du hast dein Projekt ganz alleine mit der Veröffentlichung der Curvy-Online-Plattform gestartet. Hast Du durch Dein großes Netzwerk keinen Verlag gefunden, der Dich unterstützt?

Wahrscheinlich war ich mit meinem Konzept einfach zu früh dran, denn die Verlagshäuser haben damals nicht an die Idee geglaubt.

Und das, obwohl die Durchschnittsgröße in Deutschland eine 42 ist?

Ihnen war klar, dass eine Leserschaft vorhanden ist, aber aufgrund mangelnder Werbepartner in dem Segment haben sie sich wirtschaftlich dagegen entschieden. Ich finde es wirklich verwunderlich, dass heute immer noch nicht alle Modemarken in größerer Konfektionsgröße erhältlich sind …

Welchen Herausforderungen musstest Du Dich bei der Gründung stellen? Und mit welchen Hindernissen kämpfst Du heute immer noch?

Natürlich war der wichtigste Punkt die Finanzierung, da ich weder einen Finanzier noch einen Verlag im Rücken hatte. Ich habe das Projekt ganz langsam aufgebaut und es aus den Honoraren für meine Arbeit als Stylistin für Werbejobs und Fashion Consulting mitfinanziert. Wir sind mit zwei freien Redakteuren in meiner Küche durchgestartet, bis wir uns nach ca. einem halben Jahr ein Minibüro von 15 Quadratmetern in einem Souterrain geleistet haben. Die Herausforderungen haben sich bis heute nicht geändert.

Aber in Kooperation mit einem Verlag erscheint Dein Magazin jetzt schon seit einem Jahr am Kiosk?

Ja, ich habe einen Partner gefunden der mein Magazin viermal im Jahr als Printausgabe herausbringt. Die Zusammenarbeit betrifft allerdings nicht das Onlinemagazin, hier arbeite ich immer noch autark mit allen Höhen und Tiefen.

Welche Charaktereigenschaften haben Dir bei der Gründung geholfen?

Man sollte seine Idee als Leidenschaft betrachten. Man muss für sein Projekt brennen, Leute begeistern, und auch die Energien Anderer mitnehmen. Vor allem aber braucht man Geduld und Durchhaltevermögen.

Hattest Du manchmal auch Zweifel und warst kurz davor alles hinzuschmeissen?

Selbstzweifel gehört bei einer Gründung dazu und das ist auch sehr gesund. Man muss oft überpürfen wie viel Kraft und Energie man noch hat, um das Projekt zu führen – und sich auch vor Augen halten, dass ein Scheitern möglich aber nicht schlimm ist. Das ist auch ein Ventil, um den großen Druck herauzunehmen. Ich hatte oft Momente, in denen ich überlegt habe ob es sich lohnt weiter zu kämpfen, ob sich der ganze Aufwand rechnet – man will ja nicht daran kaputt gehen.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir, aus TheCurvyMagazine eine große Marke zu machen. Ich möchte, dass viele Frauen die keine Modelgröße tragen wissen, dass es uns gibt, und dass wir ihnen mit unserem Magazin etwas Entspannung im Alltag bieten – und das nicht nur in Deutschland. Und da sich immer noch wenige der zahlreichen Modehersteller den größeren Größen widmen, schwebt mir als gelernte Schneiderin vor, eine kleine Modekollektion zu entwicklen – falls es die Zeit denn irgendwann einmal erlaubt.

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Bildschirmfoto der Webseite www.curvymagazine

TheCurvyMagazine – die aktuelle Printausgabe ist voll von neuen Modetrends, spannenden Interviews und inspirierenden, starken Frauen

„Ich möchte dass viele Frauen die keine Modelgröße tragen wissen, dass es uns gibt – und dass wir ihnen mit unserem Magazin etwas Entspannung im Alltag bieten.“

Carola Niemann

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