„Es war sehr herausfordernd, mich mit 62 Jahren nackt zu zeigen“

Emma Thompson stellt mit ihrem neuen Film auf der Berlinale traditionelle Schönheitsideale infrage und plädiert für ein authentischeres Image gestandener Frauen in den Medien. Auch ihre Kolleginnen Sophie Rois, Valeria Bruni Tedeschi und Isabelle Huppert sind in vielschichtigen Frauenrollen zu sehen

Ganz ohne Weichzeichner: Emma Thompson und Daryl McCormack in Good luck to you, Leo Grande von der australischen Regisseurin Sophie Hyde
Foto: Nick Wall

Seit Jahrzehnten ist Emma Thompson eine gefeierte und zudem mehrfach oscarprämierte Schauspielerin, doch ihr aktueller Film Good Luck to You, Leo Grande hat die Britin noch einmal vor eine ganz neue Herausforderung gestellt. Die 62-Jährige sollte sich für eine Filmszene nackt vor einen Spiegel stellen. „Versuchen Sie mal, sich auszuziehen, vor einen Spiegel zu stellen, und sich nicht zu bewegen. Das war wahrscheinlich das Schwierigste, was ich je tun musste – entspannt zu stehen und meinen Körper ohne Urteil zu betrachten“, erklärte Emma Thompson bei einer Pressekonferenz auf der diesjährigen Berlinale, wo sie ihren neuen Film vorstellte, der unter der Regie von Sophie Hyde entstand.

Emma Thompson schlüpft in dem Film Good Luck to You, Leo Grande in die Rolle einer verwitweten Religionslehrerin im Ruhestand, die noch nie in ihrem Leben zum Orgasmus gekommen ist. Ein junger, gutaussehender Sexarbeiter (gespielt von Daryl McCormack) soll Abhilfe schaffen und ihr dabei helfen, endlich zum ersehnten Höhepunkt zu kommen.

„Man hat uns Frauen unser ganzes Leben lang eine Gehirnwäsche verpasst, damit wir unsere Körper hassen. Und alles, was uns umgibt, erinnert uns daran, wie unvollkommen wir sind und dass alles an uns falsch ist”

Emma Thompson
Emma Thompson auf der Berlinale in Berlin 2022
Exaltierte Posen und großes Blitzlichtgewitter: Emma Thompsons Ankunft bei der Berliner Berlinale 2022
Fotos: @Berlinale
Schauspielerin Emma Thompson bei der Berlinale 2022

Sophie Hyde rückt mit ihrem Film mit viel Witz und Einfühlungsvermögen die Realität einer Rentnerin in den Fokus. Mit der authentischen Darstellung ihrer Protagonistin, die nicht – wie in kommerziellen Produktionen üblich – durch den Weichzeichner gejagt wird, wirft sie wichtige Fragen nach dem Selbstverständnis reiferer Frauen auf, die bisher wenig Repräsentanz in Serien und Filmen bekamen. „Man hat uns Frauen unser ganzes Leben lang eine Gehirnwäsche verpasst, damit wir unsere Körper hassen. Und alles, was uns umgibt, erinnert uns daran, wie unvollkommen wir sind und dass alles an uns falsch ist“, sagte Emma Thompson, die es große Überwindung kostete, sich mit 62 vor der Kamera auszuziehen. „Wir sind den Anblick unbehandelter Körper auf dem Bildschirm nicht gewohnt. Wir sind nur daran gewohnt, trainierte Körper zu sehen.“

Ebenso außergewöhnlich wie die authentische Darstellung und das Alter seiner Protagonistin ist das Sujet des Filmes, das die sexuelle Befriedigung einer Frau jenseits der Wechseljahre zum Mittelpunkt des Storytellings macht. „Nicht ganz oben auf der Liste an Dingen, die die Welt sicherstellen möchte“, kommentierte Emma Thompson spöttisch – sie vermisst den öffentlichen Diskurs über die weibliche Lust ohne Scham und Beurteilung.

So suggeriert die Film- und Medienlandschaft Frauen gerne, dass sie beim Sex vor allem dazu da sind, die Bedürfnisse von Männern zu befriedigen. Außerdem ist sie maßgeblich dafür verantwortlich, dass das Image genormter Body-Maße seit Jahrzehnten als Schönheitsideal propagiert wird. Ebenso wie für den vorherrschenden Jugendwahn, der Schauspielerinnen jenseits der 50 lange Zeit ins Abseits gestellt hat. Vor allem in Hollywood spricht man reiferen Frauen das Potenzial ab, Kinokassen zu füllen.

In den letzten Jahren geriet indes einiges in Bewegung und immer mehr Filme und Serien erzählen Geschichten gestandener Frauen. Natürlich ist eine unabhängige Film-Industrie, die auf der Berlinale gefördert wird und die jenseits der kommerziellen Parameter Hollywoods agiert, ein Raum, in dem außergewöhnliche Charaktere und Filmprojekte entstehen können. Trotzdem ist auch das kein Garant dafür, dass Protagonistinnen fortgeschrittenen Alters ihren Weg auf die Leinwand finden. Gleichberechtigung und Inklusion spielen hierbei eine wichtige Rolle. Die Filmbranche braucht Frauen und non-binäre Menschen, die in entscheidungsstarken Positionen hinter der Kamera sitzen, um ihre Stimmen und Geschichten ins Kino zu bringen. So stammen mittlerweile laut der „Gender Evaluation“, die jedes Jahr wieder von der Berlinale herausgebracht wird, 41 Prozent der Wettbewerbs-Filme von Frauen mit steigender Tendenz. Im Vergleich: 2021 waren es nur 33,3 Prozent.

Die Australierin Sophie Hyde, selbst 45 Jahre alt, ist nicht die einzige Regisseurin, die auf der diesjährigen Berlinale mit einem Film aufwartet, der eine über 60-Jährige zur Heldin macht. Sie bekommt Unterstützung ihrer deutschen Kollegin Nicolette Krebitz, die mit AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe die Romanze zwischen einer in die Jahre gekommenen Schauspielerin (Sophie Rois) und einem jungen Dieb erzählt. Ebenso glänzen Isabelle Huppert (die übrigens mit dem Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde) und Valeria Bruni Tedeschi in Filmproduktionen mit Protagonistinnen, die dazu beitragen, die Geschichten von Frauen mit Lebenserfahrung ins Rampenlicht zu rücken.


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Diese Berlinale-Filme
erzählen die Geschichten reifer Frauen

A E I O U – das schnelle Alphabet der Liebe ist eine Romanze zwischen einer in die Jahre gekommenen Schauspielerin (Sophie Rois) und einem jungen Dieb
Foto: Reinhold Vorschneider / Komplizen Film

A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe von Nicolette Krebitz

Der vierte Film von Regisseurin Nicolette Krebitz, die damit die ungewöhnliche Liebesgeschichte eines ungleichen Paares erzählt. Die Tage ihrer erfolgreichen Schauspielkarriere sind für die 60-jährige Anna längst gezählt. Sie lebt allein und ohne finanzielle Mittel in einer Wohnung in Berlin, bis ihr ein ungewöhnlicher Job angeboten wird. Sie soll dem 17-jährigen Adrian Sprechunterricht geben und erkennt in dem jungen Mann den Dieb, der ihr auf offener Straße die Handtasche entwendet hat. Der Film entfaltet nicht nur auf behutsame Weise eine Liebe am Rande gesellschaftlicher Akzeptanz, sondern ist gleichzeitig eine Hommage an seine Hauptdarstellerin Sophie Rois, die stellvertretend für alle Schauspielerinnen steht, die von einer von Jugend besessenen Branche ins Abseits gestellt wurden.

Die italienisch-französische Schauspielerin und Filmregisseurin Bruni Tedeschi zur Berlinale 2022
Die italienisch-französische Schauspielerin und Filmregisseurin Valeria Bruni Tedeschi kämpft im Film La Ligne verzweifelt um Liebe, Mutterschaft und Anerkennung
Foto: Bandita Films

La Ligne von Ursula Meier

Regisseurin Ursula Meier erzählt auf tragisch-komische Weise eine toxische Mutter-Tochter-Beziehung. Die 55-jährige Christina (gespielt von Valeria Bruni Tedeschi) macht die Geburt ihrer Tochter Margarete (gespielt von Stéphanie Blanchoud) für das Ende ihrer Karriere als gefeierte Pianistin verantwortlich. Die mittlerweile 35-jährige Margarete, die ein Problem mit ihrer Impuls-Kontrolle hat, zieht nach einer gescheiterten Beziehung wieder bei der Mutter ein und wird im Streit handgreiflich. Die Polizei muss kommen und verbietet es Margarete, sich dem Haus ihrer Mutter auf mehr als 100 Meter zu nähern. An dieser Grenze steht sie nun jeden Tag mit der Sehnsucht nach familiärem Halt, und gibt ihrer kleinen 12-jährigen Schwester Musikstunden. Ein eindringliches und ungeschöntes Familienporträt, das von der schauspielerischen Leistung seiner Protagonistinnen lebt.

Im Rahmen einer Berlinale-Gala erhielt die französische Schauspielerin Isabelle Huppert den Goldenen Ehrenbären 2022 für ihr Lebenswerk. Aktuell ist sie in Laurent Larivières Film À propos de Joan unter anderem mit Swann Arlaud (rechts) und Lars Eidinger zu sehen.
Foto: 247films

À propos de Joan von Laurent Larivière

Mit dem Film rückt Laurent Larivière die Biografie der gestanden und erfolgreichen Verlegerin Joan Verra in den Fokus. Aus den Erinnerungen seiner Protagonistin, die er als fragmentierte Rückblenden mit der Gegenwart verknüpft, zeichnet Laurent Larivière mithilfe der schauspielerischen Leistung Isabelle Hupperts das Bild eines vielschichtigen Frauencharakters, der sich nicht in klischeehafte Rollenbilder packen lässt. Huppert bewegt sich hier zwischen den beiden wichtigsten Männern ihres Lebens – dem unnahbaren Sohn (gespielt von Swann Arlaud) und ihrem jungen Partner Tim Ardenne (gespielt von Lars Eidinger).

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