Mamma Mia!

Cher pfeift auf den Ruhestand: Die Popdiva gibt mit ihrer Here We Go Again-Tour nochmal richtig Vollgas

Foto: Entertainment Pictures / Alamy Stock Foto

Nein, ein großer Freund des Älterwerdens war Cher, die am 20. Mai 1946 in Kalifornien als Cherilyn Sarkisian das Licht der Welt erblickte, noch nie. Da wunderte es auch keinen der Konzertbesucher in Mannheim, dass sie sich während ihrer Show ein Jahr jünger schummelt. „Keiner will alt sein, fragt mich, ich weiß das! Mein Alter ist wirklich zum Fürchten! Ich bin 72“, ruft sie der Menge zu.

Schon 2008 verriet sie im Interview mit Talkmeisterin Oprah Winfrey, dass Altwerden „scheiße ist“. Auf die Weisheit, die mit dem Alter kommen soll, pfeife sie. Diese brutale Ehrlichkeit ist gleichzeitig so etwas wie der Motor der Sängerin, der ihr seit den Startschüssen ihrer Karriere in den 60er-Jahren Antrieb gibt. Ihr Alter, in dem andere Frauen längst den Ruhestand genießen, hält die Oscar-Gewinnerin auch nicht davon ab, 82 Konzert-Termine in 74 Städten zu absolvieren und zu beweisen, wer (immer noch) die Größte im Pop-Zirkus ist. 

Ein bisschen ABBA-Mania, etliche Kostümwechsel und Klassiker wie If I Could Turn Back Time lassen auch in der Hauptstadt die Fan-Herzen pochen. Rund 12.000 Zuschauer sitzen, stehen, und tanzen in der ausverkauften Mercedes-Benz Arena. Sie genießen das Revue-Spektakel, das ist die ganz große Show, das ist Las Vegas in Berlin mit einer mehrfach perrückten Cher. Die war schon ein paar Tage vorher angereist, aber nicht etwa, um sich in der Luxusherberge Hotel de Rome in der sie übernachtete, verwöhnen zu lassen oder sich Berlin anzusehen – die Ikone nahm in den Kreuzberger Hansa-Studios Musik auf. Die Frau wird niemals müde, so scheint es. 

Und das, obwohl sie in ihrer 54-jährigen Musikkarriere für Drei gelebt hat: In Zeiten, in denen der Feminismus noch in den Kinderschuhen steckte, nahm Cher ihr Leben selbst in die Hand. Schon während den ersten gemeinsamen Erfolgen, die sie mit ihrem Mann Sonny Bono, erlebte, ebnete die Musikerin sich ihren Solo-Weg in Richtung Superstar. 

„Keiner will alt sein. Fragt mich, ich weiß das! Mein Alter ist wirklich zum Fürchten! Ich bin 72“

CHER (ein Ausruf während des Konzertes in Mannheim)

1974 reichte Cher die Scheidung ein, es folgten harte Zeiten, ihr ehemaliger Geliebter und Geschäftspartner will sie auf Schadensersatz verklagen, scheitert aber vor Gericht. Doch das Schicksal meinte es gut mit ihr, es folgen Las Vegas Engagement, eine eigene Fernsehshow sowie Emmy-Nominierungen für ihre schauspielerische Laufbahn, die in den 80er-Jahren immer wichtiger für Cher wurde. Unvergessen bleibt ihr Auftritt bei der Oscarverleihung 1988, ein transparenter Look sorgte für Aufsehen. 

Ganz so nackt steht sie 2019 in Berlin nicht auf der Bühne, spektakulär sind ihre Outfits aber allemal. Blaue Haarteile, Strass-Body, Lederjacke. Und ein wechselndes Bühnenbild, mal burlesque, mal indisch. Besonders eindrücklich: Beim Song I Got You Babe wird ihr verstorbener Ex-Mann Sonny auf den Monitoren eingeblendet. „Ich habe mich lange gefragt, ob ich diesen Song spielen soll, aber die Leute wollen ihn hören“, so die Sängerin. 

Autotune, Knalleffekte, große Gefühle: Die Abwechslung bestimmte schon immer ihre Leben. So widmete sie sich ab 1987 wieder verstärkt der Musik, landet mit „If I Could Turn Back Time“ einen weltweiten Nummer-1-Hit. 

„Und was macht eure Oma heute Abend?“

CHER (ein Ausruf währende des Konzertes in Berlin)

Bei all dem Erfolg blieb die Familie nicht auf der Strecke: 1976 bekommt sie mit Musiker Gregg Allmann ihren Sohn Elijah Blue Allman, der heute selber als Sänger und Gitarrist arbeitet. Weitaus bekannter ist jedoch ihr Sohn von Sonny Bono, Chaz Salvatore Bono, der 1969 als Chastity Sun Bono zur Welt kam. 2008 gab Bono bekannt, transsexuell zu sein und vorhabe, sein Geschlecht angleichen zu lassen. Seine Mutter ging den Weg mit ihm, stand Bono bei. „Sie hat sich einfach nicht mehr wohl in ihrem Körper gefühlt. Ich hingegen liebe es eine Frau zu sein“, betonte Cher einmal. 

Wie sehr sie das liebt, sieht man auch auf der Bühne, auch wenn die ständigen Kostümwechsel für mehrere kleine Pausen sorgen. „Und was macht eure Oma heute Abend?“, ruft sie ihrem Publikum entgegen, bevor sie zum großen Finale den größten Hit ihrer Karriere anstimmt. „Do you believe in life after love?“ singt die Menge, beseelt von der Frau, die beweist, dass das Leben zu kurz für Zweifel und Zurückhaltung ist und sich scheinbar durch nichts unterkriegen lässt – schon gar nicht vom Älterwerden.


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